Kassiber leer
Autoren Glossen Lyrik

Simon Winchester: Der Mann, der die Wörter liebte Simon Winchester
Der Mann, der die Wör­ter lieb­te.
Eine wahre Ge­schich­te.
btb Taschenbuch 2000, 284 Sei­ten
ISBN 3-442-72643-3

Dr. James Murray, der lang­jäh­ri­ge Her­aus­ge­ber des "Ox­ford Eng­lish Dic­tio­na­ry" (das da­mals noch "New Eng­lish Dic­tio­nary" hieß), war auf dem Weg zu sei­nem em­sigs­ten Zu­ar­bei­ter Dr. W.C. Minor. Man hat­te über 20 Jah­re mit­ei­nan­der kor­res­pon­diert, die­ses soll­te das ers­te per­sön­liche Zu­sam­men­tref­fen wer­den, und bei­de freu­ten sich da­rauf. Am Bahn­hof war­te­te ein ele­gan­ter Lan­dau­er und ein liv­rier­ter Kut­scher auf Dr. Murray, das Ziel war ein im­po­san­ter Bau mit ei­ner lan­gen Auf­fahrt. Emp­fan­gen wur­de Dr. Murray in ei­nem Stu­dier­zim­mer, wie er es sich vor­ge­stellt hat­te: Bü­cher­re­ga­le an den Wän­den, Sta­pel von Ma­nu­skrip­ten auf Schreib- und Bei­stell­tischen ver­teilt und der Gast­ge­ber, der ihn herz­lich be­grüß­te. Doch als er ihn mit Dr. Mi­nor an­sprach, kor­ri­gier­te ihn der Herr und stell­te sich als Di­rek­tor der Straf- und Ir­ren­an­stalt Broad­moor vor, und Dr. Mi­nor sei der am längs­ten dort in­haf­tier­te In­sas­se.

Mit dieser Le­gen­de [1] be­ginnt Si­mon Win­ches­ter sei­nen Text, in dem er so­wohl die Le­bens­ge­schich­te des Dr. William C. Mi­nor aus­brei­tet als auch die des Au­to­di­dak­ten James Mur­ray, der sich zu ei­nem der be­deu­tends­ten Le­xi­ko­graphen und Phi­lo­lo­gen sei­ner Zeit ent­wi­ckel­te. Ne­ben­bei – und die Schick­sa­le der Haupt­pro­ta­go­nis­ten mit­ei­nan­der ver­bin­dend – er­fah­ren wir et­was über die Ge­schich­te der Lexi­ko­gra­phie, ins­be­son­de­re die wech­sel­haf­te Ge­schich­te des Mam­mut­pro­jekts, das in­zwi­schen un­ter dem Na­men "Ox­ford Eng­lish Dic­tio­nary" welt­wei­te Be­deu­tung er­run­gen hat.

William Chester Mi­nor wur­de in ei­ne streng gläu­bige Fa­mi­lie ge­bo­ren, die El­tern wa­ren als Mis­sio­na­re tä­tig. Mi­nor stu­dier­te Me­di­zin und wur­de als Mi­li­tär­arzt im Ameri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg ein­ge­setzt. Win­ches­ter ver­mu­tet ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen dort er­leb­ten Grau­sam­kei­ten und sei­nen kurz da­rauf be­gin­nen­den psy­chi­schen Pro­ble­men, die sich bis zu ei­ner In­ter­nie­rung in ei­nem psy­chia­tri­schen Kran­ken­haus [2] stei­ger­ten. Als Fol­ge wur­de er aus dem Mili­tär­dienst ent­las­sen und mit ei­ner Ren­te ver­se­hen in den Ruhe­stand ver­setzt.

Minor siedelte nach Eng­land um. Se­xu­el­le Schuld­ge­füh­le we­gen häu­fi­ger Be­su­che bei Pro­sti­tu­ier­ten ver­schlim­mer­ten sei­nen Zu­stand, pa­ra­noi­de Wahn­vor­stel­lun­gen führ­ten dann zu dem Mord, für den er für den Rest sei­nes Le­bens in­ter­niert wer­den soll­te. Nach­dem er ei­nes Mor­gens wie­der den Ein­druck hat­te, dass bei ihm in der Nacht ein­ge­bro­chen wor­den war, rann­te er, mit ei­nem Re­vol­ver be­waff­net, auf die Stra­ße, er­blick­te ei­nen Mann, der sich zü­gig ent­fern­te, und schoss auf ihn. Der Mann, der auf dem Weg zur Ar­beit war, starb noch an Ort und Stel­le, Minor er­gab sich den her­bei ge­eil­ten Po­li­zis­ten und wur­de spä­ter zu le­bens­lan­ger Ver­wah­rung in ei­ner psy­chia­tri­schen An­stalt ver­ur­teilt [3].

Er verfügte dort (Broad­moor Asy­lum for the Cri­mi­nally In­sane) über zwei ge­räu­mi­ge Zel­len, die er zu ei­ner Bi­blio­thek um­funk­ti­o­nier­te. Nach­dem er ei­nen Auf­ruf ge­le­sen hat­te, für das Pro­jekt "New Eng­lish Dic­tio­nary" Fund­stel­len unter­schied­lichs­ter Art zum Wort­schatz der eng­li­schen Spra­che ein­zu­sen­den, hat­te er sei­ne Le­bens­auf­ga­be ge­fun­den und sand­te im Lauf sei­ner lan­gen In­haf­tie­rung zehn­tau­sen­de Be­le­ge für die Ver­wen­dung und den Ur­sprung eng­li­scher Be­grif­fe ein, von de­nen vie­le in das spä­ter "Ox­ford Eng­lish Dic­tio­nary" be­nann­te 12-bän­di­ge Le­xi­kon (die ak­tu­el­le Auf­la­ge um­fasst 20 Bän­de) auf­ge­nom­men wur­den.

Minor blieb wei­ter Op­fer sei­ner Wahn­vor­stel­lun­gen und – nach­dem er, der sich als Er­wach­se­ner im­mer als Athe­ist emp­fun­den hat­te, im Al­ter zum christ­li­chen Glau­ben zu­rück fand – schnitt sich mit ei­nem Ta­schen­mes­ser sei­nen Pe­nis ab, in der An­nah­me, sei­nen ex­zes­si­ven Mas­tur­ba­tions­phan­ta­sien dann nicht mehr nach­ge­ben zu kön­nen. Nach fast 40jäh­ri­ger In­ter­nie­rung be­wirk­ten Ver­wand­te sei­ne Ver­le­gung in eine An­stalt in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Sein letz­tes Le­bens­jahr ver­brach­te er – in­zwi­schen er­blin­det – in ei­nem Al­ters­heim.

James Murray, Sohn ei­nes Dorf­schnei­ders, ging mit 14 Jah­ren von der Schu­le ab und ver­such­te sich in ver­schie­de­nen Be­ru­fen. Schon bald ent­deck­te er sein In­te­res­se für Spra­chen, ins­be­son­de­re die Eng­li­sche, und pu­bli­zier­te ent­spre­chen­de Tex­te. 1879 be­rief ihn die Phi­lo­lo­gi­cal So­cie­ty zum He­raus­ge­ber des "New Eng­lish Dic­tio­na­ry on Histo­rical Prin­ciples", das sich über die Jahr­zehn­te zum le­gen­dä­ren "Ox­ford Eng­lish Dic­tio­nary" (OED) ent­wi­ckeln soll­te. Murray for­der­te Le­ser/­in­nen zum Ein­sen­den von Be­leg­stel­len aus der eng­li­schen Li­te­ra­tur auf, die Her­kunft und Be­deu­tungs­va­rian­ten von Be­grif­fen er­läu­tern könn­ten. Er ge­wann auf die­se Wei­se tau­sen­de von Zu­ar­bei­tern, ei­ner da­von war W.C. Mi­nor.

Winchester be­schreibt im De­tail die ein­zel­nen Ent­wick­lungs­stu­fen, die die Ar­beit an dem Wör­ter­buch ge­nom­men ha­ben und ver­sucht, den Be­ginn der Kor­res­pon­denz zwi­schen Mi­nor und Mur­ray zu er­schließen. Mur­ray selbst er­leb­te die Her­aus­ga­be der voll­stän­di­gen ers­ten Auf­la­ge nicht mehr, die 1928 in zwölf Bän­den er­schei­nen konn­te. Ent­hal­ten wa­ren 414.825 Wör­ter, die mit über 1,8 Mil­li­o­nen Be­le­gen ver­se­hen wa­ren [4]. Bald wa­ren meh­re­re Er­gän­zungs­bän­de not­wen­dig, eine zwei­te, neu be­ar­bei­te­te Auf­la­ge er­schien 1989 in 20 Bän­den.

Winchester konnte Ein­blick in Ak­ten neh­men, die etwa 100 Jah­re un­ter Ver­schluss ge­we­sen wa­ren. Je­des Ka­pi­tel wird mit dem Ab­druck ei­nes Be­griffs aus dem OED ein­ge­lei­tet, der im Zu­sam­men­hang mit dem Ge­schil­der­ten steht. Der Text ist auf Span­nung ge­schrie­ben, auch die Ne­ben­strän­ge, die Win­ches­ter ver­folgt (Ameri­ka­nischer Bürger­krieg, Ge­schich­te der Lexi­ko­gra­phie der eng­li­schen Spra­che usw), die­nen dem Ge­samt­ver­ständ­nis und ver­zet­teln sich nicht in ei­nem Über­maß an De­tails.


1. Die Geschichte er­schien zu­erst 1915 im Strand Ma­ga­zine (in dem auch Conan Doyle sei­ne Sher­lock Holmes Ge­schich­ten ver­öf­fent­lich­te) und ent­sprach eher der Phan­ta­sie des ame­ri­ka­nischen Jour­na­lis­ten Hay­den Church als dem tat­säch­li­chen Ge­sche­hen. Als Murray Minor im Broad­moor Asy­lum be­such­te, war er sich längst über die Ge­schich­te des hy­per­ak­ti­ven Mit­ar­bei­ters im Kla­ren.

2. St. Elizabeth's, in dem 80 Jah­re spä­ter Ezra Pound 12 Jah­re sei­nes Le­bens ver­brin­gen soll­te.

3. Minor nahm nach ei­ni­gen Jah­ren Kon­takt zu der Wit­we des Er­mor­de­ten, Eliza Merritt, auf und un­ter­stütz­te sie fi­nan­zi­ell. Sie be­such­te ihn mehr­fach in der An­stalt und brach­te ihm Bü­cher mit, die er sie ge­be­ten hat­te in Lon­do­ner An­ti­qua­ria­ten zu be­sor­gen.

4. Insgesamt waren über 6 Mil­lio­nen Be­le­ge von den Zu­lie­fe­rern ein­ge­schickt wor­den.


5. Juni 2021

Biographisches

Sprache

Gelesen : Weiteres : Impressum