Nicholas Clapp: Die Stadt der Düfte Nicholas Clapp
Die Stadt der Düfte.
Auf der Suche nach dem Atlantis der Wüste.
Rütten & Loening 1999, 375 Seiten
ISBN 3-352-00624-5

Der Dokumentarfilmer Nicholas Clapp1 bekommt von seiner Buchhändlerin ein Buch empfohlen (Bertram Thomas: Arabia Felix2), das seinem Faible für die Weiten der arabischen Wüsten entspricht. Beduinen haben Thomas von einer "verlorenen Stadt" berichtet, die, als Strafe für den sündigen Lebenswandel ihrer Bewohner – dem Volk der Ad3 –, durch den Zorn Gottes vernichtet worden ist. Die Stadt soll unermesslich reich gewesen sein, T.E. Lawrence4 nannte sie das "Atlantis der Wüste". Doch die Bewohner missachten die Warnungen und Prophezeiungen des Propheten Hud5 und so lässt Gott die Stadt zur Strafe im Wüstensand versinken.

Ubar, so der Name der Stadt, wird zu einer Obsession für Clapp. Er forscht jahrelang nach Quellen, sichtet antike Landkarten, liest Reisebeschreibungen, Mythen und Überlieferungen und stößt immer wieder (auch im Koran, dort als Iram bezeichnet6) auf Beschreibungen, die sich auf Ubar beziehen können. Er lokalisiert den Ort im heutigen Oman, in der Wüste Rub' al-Khali (übersetzt "Das leere Viertel"), der größten Sandwüste der Welt7. Sein Enthusiasmus lässt ihn eine Gruppe von Interessenten versammeln, die bereit sind, das nötige Geld aufzutreiben und mit ihm in der Wüste nach Resten des sagenhaften Ortes zu suchen.

Mithilfe von Satellitenbildern8, die Flussverläufe und Verwerfungen aus einer Zeit anzeigen, als diese Gegend noch fruchtbar war und ein reger Karawanenverkehr entsprechende Spuren hinterlassen hat, gelingt es dem Team, das Gebiet einzugrenzen.

In Begleitung eines Archäologen (Juri Zarins9) suchen sie die markanten topographischen Punkte auf, an denen sie sich Hinweise erhoffen, die sie zum Ziel führen können. Sie wissen, dass Ubar ein Umschlagplatz für den begehrten Weihrauch gewesen ist, der von dort aus den langen Weg in die restliche arabische Welt und darüber hinaus gefunden hat. Doch es sind mehrere Expeditionen nötig, bis sie schließlich in der Nähe von Shisur, wo sie ursprünglich ihr Basislager aufschlagen wollten, auf die Ruinen einer zum Teil versunkenen Karawanserei stoßen, die sie als Ubar identifizieren. In akribischer und lange währender Arbeit legen sie Außenmauern frei, die mit mehreren Türmen bewehrt waren, stoßen auf die Überreste eines Weih­rauch­mark­tes und können belegen, dass der Ort wesentlich älter als bislang vermutet ist. Zwischen 300 und 500 nach unserer Zeitrechnung ereignete sich dann die Katastrophe. Der Grundwasserspiegel sank aufgrund des damaligen Klimawandels, der Felsen, der der großen Wehranlage die Stabilität verliehen hatte, stürzte in einen entstandenen Hohlraum, mit ihm etwa die Hälfte der Befestigung und des Ortes. Die Stadt war über Nacht vernichtet.

Das Buch wird durch drei umfangreiche Teile strukturiert. Der erste Teil befasst sich im Wesentlichen mit den Mythen und historischen Quellen und beschreibt Clapps Recherchen dazu. Der zweite Teil ist den Expeditionen gewidmet, den Vorbereitungen und der Durchführung. Im dritten Teil wird dann Clapps Theorie zur Geschichte der Stadt Ubar, wieder mit Bezug auf Quellen und Mythen, dargelegt. Eine umfangreiche Bibliographie beschließt das Buch.

Viele der Schlussfolgerungen erscheinen mir spekulativ, und die Iden­ti­fi­zie­rung der im Koran als versunkene Stadt bezeichneten Iram (Stadt der Säulen; die Säulen werden bei Clapp zu den Wehrtürmen) mit Ubar ist ziemlich umstritten. Der Stil ist hin und wieder etwas flapsig (manche vergleichen Clapp mit Indiana Jones), dennoch empfand ich die Lektüre im Großen und Ganzen als interessant und lehrreich.

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1. *1936, mehrfach ausgezeichneter US-amerikanischer Dokumentarfilmer, Autor und Amateurarchäologe. Ein weiterer Titel in deutscher Übersetzung: Die Königin von Saba (Rütten & Loening 2002)

2. Bertram Sidney Thomas (1892 - 1050) war ein englischer Diplomat, der 1930/31 die Wüste durchquert hatte. Arabia Felix beschreibt diese Expedition, das Buch erschien 1932.

3. Laut dem Koran waren sie die Nachkommen von Ad, einem Großenkel von Sem, einem Sohn Noahs.

4. Bekannt als Lawrence von Arabien.

5. Hud soll der erste Prophet nach der Sintflut gewesen sein. Er gehörte dem Volk der Ad an, das er immer wieder ermahnte, zum wahren Glauben zurückzufinden. Im Jemen soll seine Grabstätte liegen, zu der alljährliche Pilgerfahrten stattfinden.

6. Sure 89, Vers 6-8.

7. Die Fläche der Wüste beträgt ca. 680.000 Quadratkilometer, der größte Teil davon sind Sanddünen, die bis zu 300 Meter hoch werden können.

8. "In achtzehn Monaten sollte eine Raumfähre, ausgerüstet mit dem Radar-Bild-System SIR-B (Shuttle Imaging Radar B) losgeschickt werden, um ausgewählte Gebiete bildlich zu erfassen. Das Gerät funktionierte, indem es Mikrowellen aussendete und deren Resonanzen aufzeichnete. Der Radar konnte sogar durch dichte Bewölkung, Blattwerk und Sand «hindurchsehen» und somit natürliche wie vom Menschen geschaffene Phänomene zutage bringen, die der Welt bisher verborgen geblieben waren." S. 70. Wegen technischer Defekte während des Fluges sind die entstandenen Aufnahmen allerdings von schlechterer Qualität als erhofft. Später lieferte das französische Satellitensystem SPOT (Système Probatoire d'Observation de la Terre) erheblich bessere Bilder.

9. Zarins war archäologischer Berater der Antikenbehörde Saudi-Arabiens und lehrte an der Missouri State University.

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18. August 2020

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