Kassiber Jean-Francois Vilar
Autoren Glossen Lyrik

Die Maßlosen Jean-François Vilar:
Die Maßlosen. Ro­man.
Aus dem Fran­zö­si­schen von Chris­tel Kau­der. Mit ei­nem Glos­sar von Kai Wilk­sen.
Beck & Glückler 1995, 475 Sei­ten, ISBN 3-89470-101-3

Jean-Francois Vilars 1989 er­schie­ne­ner Ro­man „Die Maß­lo­sen“ (im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal „Les exa­gé­rés“) ver­knüpft ei­nen düs­te­ren Kri­mi­nal­fall mit der Ge­schich­te der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­tion und macht Pa­ris selbst zu ei­ner zen­tra­len Fi­gur der Hand­lung. Aus­gangs­punkt ist der Dieb­stahl des Wachs­kopfs der Prin­zes­sin von Lam­balle aus dem Mu­sée Gré­vin, dem be­rühm­ten Pa­ri­ser Wachs­mu­se­um. Die Prin­zes­sin, eine Ver­trau­te Marie An­toi­nettes, wur­de 1792 wäh­rend der Re­vo­lu­tion er­mor­det und ihr ab­ge­schla­ge­ner Kopf durch Pa­ris ge­tra­gen. Der Dieb­stahl er­eig­net sich 1986, aus­ge­rech­net am Jah­res­tag die­ses his­to­ri­schen Er­eig­nis­ses und bil­det den Auf­takt ei­ner Hand­lung, in der sich Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart zu­neh­mend ver­mi­schen. Pa­ral­lel dazu wird ein Film über die Sep­tem­ber­mas­sa­ker von 1792 ge­dreht, in dem Vic­tor Blain­ville die Rol­le des ra­di­ka­len Re­vo­lu­tio­närs Jacques-René Hé­bert über­nimmt. Vic­tor ar­bei­tet ei­gent­lich als Mu­se­ums­fo­to­graf mit be­son­de­rem In­te­res­se für das Mu­sée Gré­vin und ge­rät zu­neh­mend in ein Netz aus his­to­ri­schen und per­sön­li­chen Ver­stri­ckun­gen.

Jean-Francois Vilar (1947–2014), der zur Ge­ne­ra­tion der fran­zö­si­schen Post-68er-Au­to­ren ge­zählt wird, nutzt den Kri­mi­nal­ro­man, um die Nach­wir­kun­gen re­vo­lu­tio­nä­rer Ge­walt, den Ver­rat an eman­zi­pa­to­ri­schen Ide­a­len und die Ver­drän­gung his­to­ri­scher Wahr­hei­ten zu the­ma­ti­sie­ren. Sein In­te­res­se an Sur­re­a­lis­mus, re­vo­lu­tio­nä­rer Ge­schich­te, Mar­cel Du­champ, Wal­ter Ben­ja­min und ins­be­son­de­re an Pa­ris prägt den Ro­man. Rea­lis­ti­sche his­to­ri­sche Be­zü­ge ge­hen da­bei naht­los in sur­re­a­le und traum­ar­ti­ge Ele­men­te über. Wachs­fi­gu­ren, Film­auf­nah­men, his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten und die mo­der­ne Groß­stadt ver­schmel­zen zu ei­ner Ku­lis­se, in der die Wirk­lich­keit zu­neh­mend wie eine Ins­ze­nie­rung wirkt. Der Ti­tel ver­weist ei­ner­seits auf die „Exa­gé­rés“, die ra­di­ka­len Re­vo­lu­tio­nä­re um Hé­bert, steht aber auch stell­ver­tre­tend für die Maß­lo­sig­keit von po­li­ti­scher Ge­walt, Ob­ses­sion, Rhe­to­rik und dem ver­geb­li­chen Stre­ben nach ein­deu­ti­ger Wahr­heit.

Die Figur Victor Blain­ville ver­bin­det Vi­lars li­te­ra­ri­sche und per­sön­li­che In­te­res­sen. Er ist der An­ti­held meh­re­rer sei­ner Ro­ma­ne und trägt einen Na­men, der auf Mar­cel Du­champ ver­weist, der in Blain­ville ge­bo­ren wur­de. Wie Vi­lar selbst ver­fügt die Fi­gur über eine po­li­ti­sche Ver­gan­gen­heit und be­wegt sich zwi­schen Kunst, Jour­na­lis­mus und ge­sell­schaft­li­cher Aus­ei­nan­der­set­zung. Vi­lar war nach ei­nem Stu­dium der Rechts­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie zehn Jah­re als Be­rufs­re­vo­lu­tio­när ak­tiv und ar­bei­te­te für die trotz­kis­ti­sche Zei­tung „Rouge“. In sei­nem li­te­ra­ri­schen Werk be­schäf­tig­te er sich wie­der­holt mit dem Schei­tern eman­zi­pa­to­ri­scher Ide­a­le und mit dem Ver­such, ver­dräng­te oder ver­schlei­er­te Wahr­hei­ten sicht­bar zu ma­chen.

„Die Maßlosen“ ist da­her we­ni­ger ein klas­si­scher Kri­mi­nal­ro­man als eine li­te­ra­ri­sche Spu­ren­su­che nach dem Fort­wir­ken der Ge­schich­te. Die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­tion er­scheint nicht als ab­ge­schlos­se­ne Ver­gan­gen­heit, son­dern als Er­fah­rung, de­ren Ge­walt, Spra­che und po­li­ti­sche Vor­stel­lun­gen in der Ge­gen­wart wei­ter­wir­ken kön­nen. Die Hand­lung ist at­mo­sphä­risch und vi­su­ell sehr dicht, ver­läuft da­bei aber nicht im­mer ge­rad­li­nig, son­dern wird im­mer wie­der von his­to­ri­schen Ex­kur­sen und Streif­zü­gen durch Pa­ris über­la­gert. Ge­ra­de die­se Ver­bin­dung von Kri­mi­nal­hand­lung, Re­vo­lu­tions­ge­schich­te, Film und Stadt macht den be­son­de­ren und ei­gen­wil­li­gen Cha­rak­ter des Ro­mans aus, der ganz ne­ben­bei auch eine klei­ne Kul­tur­ge­schich­te der Wachs­fi­gu­ren dar­stellt. Vi­lars Werk gilt als wich­ti­ger Bei­trag zur Er­neu­e­rung des fran­zö­si­schen Ro­man Noir, ist auf Deutsch in­zwi­schen je­doch weit­ge­hend ver­grif­fen.


17. August 2026

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