Volker Reinhardt:
Alexander VI. Borgia.
Der unheimliche Papst. Eine Biographie.
Verlag C. H. Beck 2011, 277 Seiten, ISBN 978-3-406-62694-4
Roderic Llançol i de Borja, besser bekannt als Rodrigo Borgia (1431–1503), der als Papst Alexander VI. von 1492 bis zu seinem Tod amtierte, gilt bis heute als Synonym für Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und moralischen Verfall. Der Historiker Volker Reinhardt hat ihm eine ebenso kenntnisreiche wie lesenswerte Untersuchung gewidmet.
Borgia entstammte keiner der mächtigen alten Familien Italiens, doch als Neffe von Papst Calixtus III. stieg er zum Kardinal auf und wurde mit reichen Pfründen ausgestattet. Von diesem Ausgangspunkt aus zeichnet Reinhardt den Aufstieg Borgias bis zum Papstamt nach und zeigt, wie dieser versuchte, persönliche Loyalitäten, dynastische Interessen und politische Stabilität zu einer eigenen Herrschaftslogik zu verbinden.
Im Zentrum des Buches steht weniger das Bild des sittenlosen, skandalumwitterten Papstes als vielmehr die politische Dimension seines Handelns. Reinhardt beschreibt zunächst die politischen und kirchlichen Strukturen des spätmittelalterlichen Italiens, in denen Ämterkäufe, Patronage und Dynastiepolitik selbstverständliche Bestandteile der Herrschaftspraxis waren. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Alexander VI. seine gesamte Amtsführung dem Ziel unterordnete, seiner Familie eine dauerhafte fürstliche Machtstellung in Italien zu sichern. Zu diesem Zweck führte er nahezu ununterbrochen Kriege oder ließ diese von seinem ehrgeizigen und skrupellosen Sohn Cesare führen, im Namen der Kirche, doch im Interesse der Familie. Wechselnde Allianzen, etwa mit dem französischen König Ludwig XII., wurden geschmiedet und bei Bedarf wieder gebrochen. Auch das Schicksal seiner Tochter Lucrezia, die mehrfach aus dynastischen Gründen verheiratet wurde, ordnet Reinhardt in diese machtpolitische Strategie ein.
Besondere Aufmerksamkeit gilt Cesare Borgia, der sich vom Kardinal zum militärischen Machtpolitiker wandelt und geradezu idealtypisch den Renaissancefürsten verkörpert, der seine Ziele mit rücksichtsloser Entschlossenheit verfolgt. Reinhardt macht dabei deutlich, dass Cesare keineswegs nur Werkzeug seines Vaters war, sondern zunehmend eigene, teils gegenläufige Ambitionen entwickelte.
Auch Lucrezia Borgia erfährt eine differenzierte Neubewertung. An die Stelle der legendären Giftmischerin tritt bei Reinhardt eine Adelige, deren Ehen vor allem diplomatischen und dynastischen Zwecken dienten. Im Verlauf ihres Lebens gewinnt sie zunehmend Eigenständigkeit und etabliert sich schließlich als respektierte Fürstin und Förderin von Kunst und Kultur.
Schließlich setzt sich Reinhardt mit der Entstehung des bis heute wirkmächtigen Borgia-Mythos auseinander und zeigt, wie politische Gegner, spätere Chronisten und literarische Bearbeitungen das Bild der Familie nachhaltig geprägt und vielfach verzerrt haben.
Reinhardts Biografie verbindet das Leben Alexanders VI. mit der Geschichte Italiens und Europas und vermittelt zugleich einen komplexen Einblick in die politischen Machtverhältnisse der Renaissance. Lediglich die Vielzahl der politischen Akteure, wechselnden Bündnisse und militärischen Konflikte macht die Darstellung gelegentlich etwas anstrengend.
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8. August 2026