Kassiber leer
Autoren Glossen Lyrik

Carr Romantiker der Revolution Edmund Hallett Carr
Romantiker der Re­vo­lu­tion. Ein rus­si­scher Fa­mi­lien­ro­man aus dem 19. Jahr­hun­dert.
Aus dem Eng­li­schen von Rein­hard Kai­ser.
Eichborn Ver­lag 2004, 433 Sei­ten
ISBN 3-8218-4542-2

E.H. Carr (1892–1982) war His­to­ri­ker mit dem Schwer­punkt rus­si­sche Ge­schich­te. Sein opus mag­num ist die 14-bän­di­ge „Ge­schich­te der Sow­jet­union“, die zwi­schen 1950 und 1978 in Eng­land er­schien. Be­reits 1933 er­schien „Ro­man­ti­ker der Re­vo­lu­tion“, das hier erst­mals in deut­scher Über­set­zung vor­liegt. Carr lehr­te in Ox­ford und Cam­bridge, nach­dem er zu­vor im bri­ti­schen Außen­mi­nis­te­rium tä­tig ge­we­sen war.

Der Zentral­stern in „Ro­man­ti­ker der Re­vo­lution“ ist der Re­vo­lu­tio­när, Schrift­stel­ler, He­raus­ge­ber und Phi­lo­soph Ale­xan­der Her­zen, um den sich eine Grup­pe von Frau­en und Män­nern bil­de­te, de­ren Schick­sa­le das The­ma die­ses Bu­ches sind.

Alexander HerzenAlexander Herzen (1812–1870) war der un­ehe­li­che Sohn ei­nes be­gü­ter­ten rus­si­schen Ad­li­gen, der erst kurz vor sei­nem Tod die nicht stan­des­ge­mä­ße Mut­ter Her­zens hei­ra­te­te, um ihn – zur gro­ßen Ver­är­ge­rung sei­ner Ver­wandt­schaft – zum Al­lein­er­ben sei­nes Ver­mö­gens zu be­stim­men. In den Nach­we­hen des De­ka­bris­ten­auf­stands [1] wur­de Her­zen ver­haf­tet und in die Ver­ban­nung ge­schickt. We­ni­ge Jah­re nach sei­ner Rück­kehr ent­schied er sich für ein Le­ben im Exil und ver­brach­te den Rest sei­nes Le­bens ab­wech­selnd in Eng­land, Frank­reich und der Schweiz.

Noch in der Ver­ban­nung hat­te er die deut­lich jün­ge­re Na­tal­ja (oder Na­ta­lie) Ale­xan­drow­na Sa­char­ji­na (1814–1852) ent­führt und ge­e­he­licht, die sich dann in Na­tal­ja (oder Na­ta­lie) Tuch­ko­va (1829–1913) ver­lieb­te, die sich wie­de­rum mit dem Ly­ri­ker und Re­vo­lu­tio­när Ni­ko­lai Ogar­jow [2] ver­mähl­te, der ge­mein­sam mit Her­zen die rus­si­sche Exil­zeit­schrift Ko­lo­kol (Die Glo­cke) ver­­öf­fent­lich­te. Spä­ter soll­te sie die Ge­lieb­te Ale­xan­der Her­zens wer­den.

Georg HerweghDoch zunächst wird der deut­sche Dich­ter und Re­vo­lu­tio­när Georg Herwegh [3] in den Kreis um Her­zen ein­ge­führt [4], und das Drama nimmt sei­nen Lauf. Her­zen und Her­wegh ver­bin­det bald ei­ne tie­fe Freund­schaft, die es aber nicht ver­hin­dert, dass Her­wegh und Natalja Her­zen in Leidenschaft für­einander ent­bren­nen. Ganz im Stil George Sands, deren Romane zu der Zeit in die­sen Kreisen en vogue sind, ent­wi­ckelt sich eine leiden­schaft­liche, ro­man­tisch über­höh­te Be­zie­hung, deren Kon­flikt­po­ten­tial noch wächst, da die Herzens und die Herweghs im selben Haus wohnen. Schließlich er­fährt es auch Herzen, und die wie­der­ge­ge­be­nen Brief­wech­sel zwi­schen allen Be­tei­lig­ten be­le­gen die Ver­letzt­heit, die sich bis zum Hass stei­gert. Es kommt zu Duell­for­de­run­gen, die aber ab­ge­wen­det werden können, man schart Ver­bün­de­te um sich und ver­leum­det die andere Seite in öf­fent­lichen Ar­ti­keln. Auch zwi­schen Emma Herwegh [5] und Na­tal­ja kommt es zu ei­ner aus­ufernden Kor­res­pon­denz, in der Emma ihre Liebe zu Georg beweisen will, in­dem sie ihn für Natalja frei­gibt und fast schon darauf be­steht, dass die­se das An­ge­bot auch annimmt und Her­zen für Her­wegh verlässt. Starker Tobak für heutige Le­ser, nichts­des­to­trotz ein span­nen­des und in­te­res­san­tes Epo­chen­bild.

Natalja Herzen stirbt früh, Her­zen und Ogarjow ar­bei­ten im Exil am Sturz des Zaren und der Er­rich­tung einer li­ber­tä­ren De­mo­kra­tie. Dabei kom­men sich Herzen und Na­tal­ja Ogarjow so nahe, wie es zu­vor Herwegh und Natalja Her­zen ge­we­sen sind. Man be­kommt Kinder [6], lebt zu­sam­men, und Ogarjow wen­det sich einer englischen Pro­sti­tu­ier­ten zu, die ihn bis zu sei­nem frühen Le­bens­en­de be­glei­ten wird; er trinkt sich zu To­de.

Michail BakuninDoch es geht nicht nur um sol­che Soap­ele­men­te in dem Buch. Carr ver­schränkt die po­li­ti­schen Aktivitäten der Pro­ta­go­nis­ten mit ihren pri­va­ten, und ihm gelingt da­durch ein Sit­ten­bild der Bla­se, in der sich die rus­si­sche Exil­ge­mein­de über Jahr­zehnte im 19. Jahr­hun­dert bewegt hat. Ba­ku­nin [7], der von Marx aus der 1. In­ter­na­tio­na­le ver­bann­te Anar­chist, taucht auf, nach­dem er zuvor Jahre in der Pe­ter-und-Paul-Festung in­haf­tiert gewesen war und dem die Flucht aus der si­bi­ri­schen Ver­ban­nung ge­lun­gen war. Er schnorrt sich von Auf­stand zu Aufstand, ruhe­los, umtriebig, ein Voll­blut­re­vo­lu­tio­när. Auch der legen­däre Ter­ro­rist Ser­gej Net­schajew [8] bewegt sich in diesen Krei­sen und blendet sie mit seiner Auf­schnei­de­rei. Als Ale­xan­der Herzen schon nicht mehr in der Lage war, sei­ne Tätigkeit als Publizist weiter wahr­zu­neh­men, be­trie­ben Net­scha­jew, Bakunin und Ogarjow weiter An­stren­gun­gen, die re­vo­lu­tio­nä­ren Ak­ti­vi­tä­ten in Russland auf ein neues Ni­veau zu he­ben. Er­folg­los.

Der Kreis um Alexander Her­zen, seine Familie und Freun­de, löst sich auf und verliert sich in der Ge­schich­te. Ro­man­ti­ker in der Liebe und in der Re­vo­lution.

----------------------------

1. 1925 fand der Aufstand statt. Herzen geriet 1934 in die Fänge des za­ris­ti­schen Geheim­diens­tes. „Herzen spiel­te in dieser An­ge­le­gen­heit eine ganz un­be­deu­ten­de Rolle. Aber nachdem er fast neun Mo­na­te im Ge­fäng­nis gesessen hatte, wurde er in die ferne, auf hal­bem Weg in Rich­tung Ural gelegene Pro­vinz­haupt­stadt Wjatka ver­bannt, wo er ei­nen kleinen Posten in der ört­lichen Verwaltung bekam. Es dau­er­te mehr als drei Jahre, bis er nach Moskau zurückkehren durf­te.“ S. 16

2. 1813 – 1877. Ogarjow und Herzen waren seit ihrer Kind­heit be­freun­det. Wie Herzen wurde Ogarjow 1934 fest­ge­nom­men und ver­bannt. 1840 flüchtete er nach Ber­lin, kehrte jedoch sechs Jahre spä­ter nach Russ­land zurück. 1856 emigrierte er nach London, wo er ge­mein­sam mit Herzen die Exilzeitschrift Kolokol her­aus­gab.

3. 1817 – 1875. Einer der be­kanntesten deutschen Dich­ter sei­ner Zeit. Enga­gierte sich für eine re­pub­li­ka­ni­sche Gesell­schaft und in der ent­ste­hen­den Arbei­ter­be­we­gung. Aktive Teil­nahme an den Auf­stän­den 1848.

4. Bakunin, den Herzen schon aus Moskau kannte, mach­te ihn in Paris mit Georg Herwegh be­kannt. Ba­ku­nin war Trauzeuge, als Her­wegh und Emma Sieg­mund 1843 im schwei­zerischen Baden hei­ra­te­ten.

5. 1817 – 1904. Engagierte sich in der re­pub­li­ka­ni­schen Bewe­gung und gilt als Vorreiterin für die Rechte der Frauen.

6. Die Kinder wurden übrigens von Malwida von Mey­sen­bug be­treut und unterrichtet.

7. 1814 – 1876. Eine zentrale Ge­stalt in der anar­chis­ti­schen Be­we­gung des 19. Jahr­hun­derts. Kon­tra­hent von Karl Marx, was zur Spal­tung der Interna­tionalen Ar­bei­ter­assoziation führ­te.

8. 1847 – 1882. Gab vor, in der Pe­ter und Paul Fes­tung inhaftiert ge­we­sen zu sein und führte sich so in die Kreise der russischen Exil­ge­mein­de in der Schweiz ein. Zu­sam­men­ar­beit unter anderem mit Ba­ku­nin. Richtete ein Mit­glied seiner Geheim­or­ga­ni­sation hin, nach­dem er ihn des Verrats be­zich­tigt hatte. Wurde von der Schweiz nach Russland ausge­lie­fert, wo er nach zehn­jähriger Haft in der Peter und Paul Fes­tung starb. Vorbild für Dosto­jewskis Pjotr Wer­ho­wens­ki in „Dämonen“.

----------------------------

26. Februar 2021

Anarchismus

Geschichte

Gelesen : Weiteres : Impressum