Etel Adnan:
Sitt Marie-Rose. Eine libanesische Geschichte.
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Mit einem autobiographischen Nachwort.
Suhrkamp Verlag 2004, 123 Seiten, ISBN 978-3-518-38051-2
Sitt Marie-Rose ist eine libanesische Christin, die im mehrheitlich christlich geprägten Teil Beiruts lebt. Sie arbeitet als Lehrerin in einer Schule für taubstumme Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus setzt sie sich für die palästinensischen Flüchtlinge ein, die zu Zehntausenden unter erbärmlichen Umständen in verschiedenen Lagern leben. Sie hat ihren christlichen Mann verlassen und lebt mit einem palästinensischen Arzt zusammen, was sie in einen massiven Konflikt mit ihrer christlichen Umgebung bringt.
Und dann, es ist der 13. April 1975, bricht der Hass aus! Am Morgen dieses Tages wird vor einer Kirche ein Falangist getötet, die Hintergründe sind unklar. Als am Nachmittag ein mit palästinensischen Flüchtlingen beladener Bus vor dieser Kirche vorbeifährt, in der gerade eine Messe abgehalten wird, an der auch der Chef der libanesischen Falange-Partei teilnimmt, die hauptsächlich aus Christen besteht, wird der Bus von Milizionären der Partei angehalten. Die Fahrgäste müssen aussteigen. Und werden erschossen. Alle. Ohne Ausnahme.
Das ist der Beginn dessen, was als libanesischer Bürgerkrieg in die Geschichte eingeht. Für die nächsten 15 Jahre gibt es kein Pardon für die, die auf der anderen Seite stehen. Und es gibt viele andere Seiten, auf denen man sterben kann. Historisch gewachsene Konflikte werden ausgetragen, Machtpositionen werden ausgeweitet oder verteidigt, private Fehden ausgefochten... Aber vor allem wird gehasst. Hemmungslos und selbstgerecht.
Mittendrin Sitt Marie-Rose, die weder ihren Partner verlässt noch darauf verzichtet, die palästinensischen Flüchtlinge zu unterstützen.
Da taucht Mounir auf. Man kennt sich noch aus der Schulzeit, ist sich sympathisch. Mounir hatte Sitt Marie-Rose angeboten, ein Drehbuch für ihn zu schreiben, was sie jedoch ablehnte. Mounir und seine Freunde sind lustige Gesellen, man liebte es, in der Vorkriegszeit gemeinsam auf Vogeljagd zu gehen. In Syrien, in der Türkei. Doch jetzt ist Krieg. Die Clique der Freunde um Mounir ist zusammen geblieben. Jetzt jagen sie nicht mehr Vögel, jetzt jagen sie alles, was sich vor ihre christlichen Gewehre und Geschütze wagt. Männer, Frauen, Kinder. Alle.
Sitt Marie-Rose wird entführt. Von Mounir und seinen Kumpanen. Man will mit ihr reden, ihr klarmachen, dass sie sich ihrer Zugehörigkeit besinnen muss. Man fraternisiert nicht mit dem Feind. Das sind die Regeln im Krieg. Das muss sie doch verstehen. Doch sie ist störrisch, klagt sogar an! Zwingt Mounir, ihr wehzutun. Sie zu foltern. Und weil es eine heilige Sache ist, um die es hier geht, holt man die taubstummen Kinder dazu, deren Lehrerin Sitt Marie-Rose ist. Als auch ein hinzu gerufener Geistlicher die Verräterin nicht zur Vernunft bringen kann, tötet man sie. Den Kindern zur Lehre, dem Glauben zur Ehre.
Der Roman basiert auf dem Schicksal der syrischen Christin Marie Rose Boulos, die während des libanesischen Bürgerkriegs gehörlose Kinder unterrichtete und sich für palästinensische Flüchtlinge engagierte. Ihre Entführung und Ermordung durch eine christliche Miliz veranlassten Etel Adnan zu dem Roman, in dem sie heftige Kritik an den Traditionen sowohl der christlichen Kirchen als auch der islamischen Glaubensrichtungen im arabischen Osten übt. Sie wirft ihnen die Abschottung gegeneinander vor, das Schüren von Hass und ein antiquiertes Menschenbild, in dem Frauen keinen angemessenen Platz in der Gesellschaft finden.
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Doch die Zeit vor und während des Krieges lässt sich nicht wirklich trennen. Ebenso wenig wie das Netz der Personen und Gruppen mit ihren jeweiligen Interessen. Im Nachwort beschreibt Etel Adnan (1925–2021) ihre Jugend in einem multikulturellen Libanon, in dem Sprachen und Religionen in einer Vielfalt existieren wie kaum anderswo. Doch sie spürt auch die Zwänge, die von den Menschen eine Zugehörigkeit erwarten, die sie nicht gewillt ist, zu akzeptieren. Sie verlässt das Land, um in Paris Philosophie zu studieren. Nach einer mehrjährigen Lehrtätigkeit an US-amerikanischen Universitäten kehrt sie 1972 in den Libanon zurück. Der Bürgerkrieg treibt sie wenige Jahre später wieder ins Exil.
„Sitt Marie-Rose“ gewann 1977 den Amitié Franco-Arab-Preis (eine Auszeichnung der Association de Solidarité Franco-Arabe). Es ist ein Buch, das weit über den Libanonkrieg hinausweist. Ein Buch über alle Kriege, die jemals geführt wurden und die in Zukunft noch geführt werden. Kriege, in denen alles, was die Menschheit an zivilisatorischen Errungenschaften erarbeitet hat, zurück in die Barbarei stürzt. Zugleich ist es eine Mahnung, dass Religionen in der Geschichte mehr Schaden als Nutzen gestiftet haben.
2. September 2026