Marion Voigt:
Verheißung und Dekadenz. Baden-Baden und die russische Literatur im 19. Jahrhundert.
8 grad verlag 2024, 225 Seiten, ISBN 978-3-910228-07-8
„Verheißung und Dekadenz“ beleuchtet die Epoche zwischen dem Ende der Napoleonischen Kriege 1815 und dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, während der Baden-Baden zu einem mondänen Kurort von europäischem Rang avancierte: Prominente aus dem gesamten Kontinent versammelten sich hier zur Kur und zum gelegentlichen Glücksspiel, darunter zahlreiche russische Schriftsteller. Neben bekannten Autoren wie Nikolai Gogol, Fjodor Dostojewski, Iwan Gontscharow und Iwan Turgenjew widmet sich Marion Voigt auch weniger geläufigen wie Wassili Andrejewitsch Schukowski, Pjotr Andrejewitsch Wjasemski oder Alexandra Ossipowna Smirnowa.
Die ersten Verbindungen zwischen Baden-Baden und dem russischen Zarenreich reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück, als Wilhelmine von Hessen-Darmstadt mit dem späteren Zaren Paul I. vermählt wurde. Weitere dynastische Beziehungen sollten in der Folgezeit entstehen. Im Zentrum von Voigts Arbeit steht jedoch die Literatur, der sie in sieben Kapiteln nachgeht, in denen sie jeweils einen der Autoren beziehungsweise die eine Autorin porträtiert, die sich für kürzere oder längere Zeit in Baden-Baden aufhielten.
Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten unter ihnen war der Hauslehrer des späteren Zaren Alexander II. Wassili Andrejewitsch Schukowski (1783–1852), der neben eigenen Werken vor allem als Übersetzer wirkte, unter anderem mit einer Nachdichtung der Odyssee, die er 1849 in Baden-Baden vollendete. Ab 1848 fand er dort seine letzte Heimat. Seine ausgezeichneten Verbindungen nutzte er, um aufstrebende Autoren nach Möglichkeiten zu fördern. Das galt besonders für Alexander Puschkin, als dessen Mentor er sich verstand.
Fürst Pjotr Andrejewitsch Wjasemski (1792–1878) machte sich durch freiheitsliebende Gedichte und journalistische Arbeiten einen Namen. Auch er ein Förderer der russischen Literatur, deren Verbreitung er im Ausland energisch betrieb. Er war ebenfalls mit Puschkin befreundet, musste jedoch erleben, wie seine eigenen Werke zunehmend an Bedeutung verloren. Nach dem Amtsantritt Alexanders II. übernahm er die Leitung der Hauptzensurbehörde und überwachte zugleich die Vorbereitungen für eine Reform der Zensur. Von diesem Spagat zermürbt legt er seine Ämter nieder mit der Begründung, „er ziehe es vor, die Zensur als Schriftsteller zu bekämpfen und nicht als Chefzensor.“ Seine letzten Lebensjahre verbrachte er wieder in Baden-Baden, das er schon über 20 Jahre zuvor zum ersten Mal besucht hatte.
Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809–1852) war der erste unter den großen russischen Schriftstellern, den es nach Baden-Baden zog. Geboren in einer Stadt, die heute zur Ukraine gehört, schrieb er jedoch seine Werke durchgehend in russischer Sprache, weshalb Marion Voigt ihn in ihre Untersuchung mit aufgenommen hat. 1836 besuchte er erstmals den Kurort und las einem kleinen Kreis russischer Kurgäste aus dem „Revisor“ und anderen Werken vor, verließ den Ort aber schon nach wenigen Wochen wieder Richtung Genf. Weitere Aufenthalte folgten, inzwischen war er durch die „Toten Seelen“ (1842) berühmt geworden. „Nichts weniger als die moralische Erneuerung Russlands hatte er im Sinn, und er bediente sich dazu verschiedener Mittel, die unerhört neu in der russischsprachigen Literatur waren.“ Gegen Ende seines Lebens zog sich Gogol aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und wandte sich Religion und Mystizismus zu. Das Manuskript des zweiten Bandes seiner „Toten Seelen“ verbrannte er. Kurz darauf starb er, noch keine 43 Jahre alt.
Am engsten mit Baden-Baden verbunden war jedoch Iwan Sergejewitsch Turgenjew (1818–1883): Ab 1863 verbrachte er acht Jahre dort und gehörte in dieser Zeit zum Künstlerkreis der Sängerin Pauline Viardot-García (1821–1910), mit der er auch an der Vertonung von Lyrik und einigen Libretti zusammenarbeitete. Lew Tolstoi war ein weiterer Kontakt. In seinem Roman „Rauch“ (1867) hielt er das Leben der russischen Kurgäste in Baden-Baden literarisch fest. Können wir uns ein Treffen von Turgenjew und Dostojewski vorstellen? Oder eine Begegnung von Puschkin mit Gogol, wie sie im Mai 1831 in St. Petersburg stattgefunden hat? Worüber haben sie gesprochen, wie sind sie miteinander umgegangen (Nabokov hat sich in seiner Studie über Gogol auf mitreißende Weise damit auseinandergesetzt)? Als sich Turgenjew und Dostojewski in Baden-Baden begegneten, es war der 10. Juli 1867, scheint sie weder harmonisch noch besonders inspirierend gewesen zu sein. „Der tief religiöse, slawophile Dostojewski lehnte das weltliche Westlertum seines Landmanns von Grund auf ab.“
Im September 1863 machte Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821–1881) im Zuge einer Europareise erstmals für einige Tage in Baden-Baden Station. Der nächste Aufenthalt 1867 geriet zur Flucht vor Gläubigern. Auch hier, wie schon zuvor in Wiesbaden, versuchte er mit dem Gewinn aus einem „sicheren“ Roulette-System, Schuldner zufriedenzustellen. Seine Spielsucht verarbeitete er 1866 literarisch im Roman „Der Spieler“. Marion Voigt schildert sehr anschaulich, wie sich Dostojewski vom Revolutionär, der im Umfeld des Dekabristenaufstands zum Tode verurteilt und einer Scheinhinrichtung ausgesetzt worden war, wie er sie später in „Der Idiot“ beschrieb, und der anschließend zehn Jahre in sibirischer Verbannung verbrachte, wie aus diesem etwas „liederlichen“ literarischen Talent der vom russisch-orthodoxen Glauben durchdrungene staatsfromme Patriot wurde. Dessen literarisches Werk, das aus dieser Zeit seine Substanz schöpft, aber zunehmend anerkannt und erfolgreich wurde.
Auch Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812–1891) hielt sich im Sommer 1867 in Baden-Baden auf. Es war bereits sein zweiter Besuch in der Bäderstadt. Berühmt geworden mit seinem Roman „Oblomow“, einem „Mann, der aus Angst vor Ungemach in Passivität erstarrt“, verband ihn eine freundschaftliche Rivalität mit dem sechs Jahre jüngeren Turgenjew. Obwohl sie quasi auf den entgegengesetzten Seiten der Barrikade standen: Gontscharow hatte seine Übersetzertätigkeit beendet und war zum St. Petersburger Zensurkomitee gewechselt (wo er auf den weiter oben bereits vorgestellten Pjotr Andrejewitsch Wjasemski traf, der dort sein Vorgesetzter war). Plagiatsvorwürfe Gontscharows gegen Turgenjew beendeten vorübergehend die Beziehung der beiden. Auch Begegnungen mit Dostojewski sind verbürgt, man traf sich gelegentlich in der Spielbank. Gontscharow spürte seinen Stern sinken und zog sich in den späten sechziger Jahren weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.
Alexandra Ossipowna Smirnowa (1809–1882) hatte schon früh Kontakt zur russischen Literaturszene. Sie selbst verfasste in späteren Jahren vor allem autobiografisch geprägte Texte, die einen Einblick in das Leben in einem ukrainischen Dorf geben, in dem sie aufgewachsen war, sowie in ihre Begegnungen mit Puschkin, Lermontow und Gogol. Gelobt wurden ihr Stil, „ihre Genauigkeit und die Fähigkeit, Inhalte zu verdichten“. 1836 kam sie erstmals nach Baden-Baden, um sich von einem weithin geschätzten Arzt bei der Geburt ihres dritten Kindes unterstützen zu lassen. Gogol, der in diesem Jahr erstmals in Baden-Baden kurte und den sie bereits seit 1831 kannte, stand ihr besonders nah. Er las aus dem Manuskript der „Toten Seelen“ vor, den geistigen Austausch mit ihm und Eindrücke dieser Lesung finden sich später in ihren „Erinnerungen an N. W. Gogol“ (1877).
Gestützt auf zeitgenössische Quellen sowie Originaltexte wie Tagebuchnotizen und Briefe nähert sich Marion Voigt Biografie und Werk der russischen Literaten, von denen manche Texte in Baden-Baden entstanden oder zumindest dort ihren Ursprung hatten. Die Hauptwerke und solche mit Bezug zu Baden-Baden werden inhaltlich und im Kontext vorgestellt.
Die Autorin zeichnet ein detailreiches und lebendiges Bild der kulturellen und gesellschaftlichen Verflechtungen jener Epoche. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie der Auseinandersetzung zwischen Westlern und Slawophilen, einem Konflikt, der das russische Geistesleben vor etwa anderthalb Jahrhunderten prägte und der heute unerwartet neue Aktualität gewonnen hat. Ergänzt wird die Darstellung durch Originaldokumente und historische Abbildungen, die einen aufschlussreichen Blick auf das Alltagsleben im Kurort Baden-Baden während des 19. Jahrhunderts eröffnen.
Besonders beeindruckt hat mich die ausgewogene Verbindung biografischer, literaturhistorischer, zeitgeschichtlicher und ortskundlicher Aspekte, durch die das Thema leicht zugänglich ist, zugleich aber auch fachlich fundiert dargestellt wird. 336 Anmerkungen zeugen von der Akribie, mit der die Autorin ihr Thema erarbeitet hat. Eine umfangreiche, teils russischsprachige Literaturliste beschließt den Band.
Marion Voigt (*1964) studierte Slawistik sowie Osteuropäische und Mittelalterliche Geschichte und ist ausgebildete Buchhändlerin. Neben eigenen Buchveröffentlichungen ist sie als Lektorin und Herausgeberin tätig.
26. Juli 2026