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Reisen der Seele Piers Vitebsky:
Schamanismus. Reisen der See­le – Magische Kräf­te – Eks­ta­se und Hei­lung.
Aus dem Englischen von Mar­kus Goeke.
Taschen 2001, 183 Seiten, ISBN 978-3-8228-1339-7

Piers Vitebsky zählt zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen An­thro­po­lo­gen, des­sen Werk sich durch eine Kom­bi­na­tion aus eth­no­gra­fi­scher Tie­fen­for­schung, in­ter­kul­tu­rel­ler Sen­si­bi­li­tät und ei­nem be­son­de­ren Fo­kus auf in­di­ge­ne Völ­ker und scha­ma­nis­ti­sche Tra­di­tio­nen aus­zeich­net. Sei­ne Ar­bei­ten, ins­be­son­de­re zu den Even­ken in Si­bi­rien und den Sora in In­dien, gel­ten als Mei­len­stei­ne der eth­no­lo­gi­schen For­schung.

Im Zentrum des Bu­ches steht die Rol­le des Scha­ma­nen als Ver­mitt­ler zwi­schen der mensch­li­chen Welt und der Sphä­re der Geis­ter. Scha­ma­nen über­neh­men Auf­ga­ben, die so­wohl in­di­vi­du­el­le Hei­lung – etwa durch die Rück­ho­lung ver­lo­re­ner See­len – als auch kol­lek­ti­ves Wohl­er­ge­hen be­tref­fen, sei es bei Jagd­er­folg, der Be­ein­flus­sung des Wet­ters oder der Be­wäl­ti­gung von Kon­flik­ten. Durch Trance­zu­stän­de, die häu­fig mit Trom­meln, Ge­sän­gen oder hal­lu­zi­no­ge­nen Sub­stan­zen her­bei­ge­führt wer­den, tre­ten sie in Kon­takt mit an­de­ren Wirk­lich­kei­ten wie Un­ter­welt oder Him­mel. Das scha­ma­nis­ti­sche Welt­bild ist da­bei ge­prägt von der Vor­stel­lung, dass Na­tur, Tie­re, Ob­jek­te und Ah­nen be­seelt sind.

Vitebsky be­schreibt de­tail­liert die Ini­tia­tions­ri­ten an­ge­hen­der Scha­ma­nen, die oft als sym­bo­li­scher Tod und Wie­der­ge­burt ver­stan­den wer­den. Da­bei the­ma­ti­siert er auch die exis­ten­ziel­len Di­men­sio­nen die­ser Er­fah­run­gen. Er zeigt auf, wie in­di­ge­ne Ge­sell­schaf­ten ihre Prak­ti­ken un­ter dem Ein­fluss äu­ße­rer Fak­to­ren – Ko­lo­nia­li­sie­rung, Mo­der­ni­sie­rung oder re­li­giö­se Mis­sio­nie­rung – an­pas­sen, trans­for­mie­ren oder neu er­fin­den. So do­ku­men­tiert er nicht nur den Ver­lust be­stimm­ter Tra­di­tio­nen, son­dern auch die Ent­ste­hung neu­er For­men kul­tu­rel­ler Re­si­lienz.

Theoretisch knüpft Vi­tebs­ky an klas­si­sche Ar­bei­ten wie die von Mir­cea Elia­de an, geht aber zu­gleich kri­tisch über sie hi­naus. Er be­tont, dass Scha­ma­nis­mus nicht als blo­ße „ar­chai­sche“ Re­li­gions­form miss­ver­stan­den wer­den darf, son­dern als dy­na­mi­sche Stra­te­gie, mit öko­lo­gi­schen und so­zi­a­len He­raus­for­de­run­gen um­zu­ge­hen. Da­mit lie­fert das Buch nicht nur eine Ein­füh­rung in die Viel­falt scha­ma­nis­ti­scher Prak­ti­ken, son­dern auch ei­nen re­flek­tier­ten Bei­trag zu den ethi­schen Fra­gen eth­no­gra­fi­scher For­schung.

Das Buch gibt ei­nen gu­ten Über­blick über die eth­no­gra­fi­schen Un­ter­schie­de in der Pra­xis des Scha­ma­nis­mus und den He­raus­for­de­run­gen durch eine vom Ra­tio­na­lis­mus ge­präg­te Zeit.


9. September 2025

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