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Giuseppe Tomasi di Lampedusa Die Sirene und andere Erzählungen Giuseppe Tomasi di Lampedusa:
Die Sirene und an­de­re Er­zäh­lun­gen.
Aus dem Ita­lie­ni­schen von Char­lot­te Birn­baum. Nach­wort von Gior­gio Bas­sa­ni.
Deutscher Taschen­buch Verlag 1963, 140 Sei­ten

Vier Jahre nach dem Tod Giu­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­du­sas und drei Jah­re nach der Ver­öf­fent­li­chung von „Il Gat­to­par­do“ er­schien 1961 im Fel­tri­nel­li Ver­lag der Band „I Rac­con­ti“ (deutsch: „Die Si­re­ne und an­de­re Er­zäh­lun­gen“). Er um­fasst vier Tex­te und schließt das li­te­ra­ri­sche Werk des Au­tors ab.

Besonders her­vor­zu­he­ben ist die Ti­tel­ge­schich­te „Die Si­re­ne“. Der Ich-Er­zäh­ler, ein si­zi­lia­ni­scher Adli­ger, be­geg­net in Tu­rin ei­nem al­ten Grä­zis­ten, der sich als ehe­ma­li­ger Se­na­tor und an­er­kann­ter Wis­sen­schaft­ler er­weist. Bei­de stam­men aus dem Sü­den und le­ben in den spä­ten 1930er Jah­ren als Emi­gran­ten im Nor­den Ita­liens. Der Pro­fes­sor ist ge­dank­lich stär­ker in der Welt des klas­si­schen Grie­chen­lands ver­an­kert als in der Ge­gen­wart. Als jun­ger Mann hat­te er eine in­ten­si­ve, auch kör­per­li­che Be­geg­nung mit ei­ner Si­re­ne, die ihn dau­er­haft von der mo­der­nen Welt und ih­ren Men­schen ent­frem­det hat.

„Aufstieg eines Päch­ters“ skiz­ziert den Nie­der­gang der si­zi­lia­ni­schen Feu­dal­a­ris­to­kra­tie und den Auf­stieg des Bür­ger­tums um 1900 und liest sich wie eine Vor­stu­die zu ei­ner Fort­set­zung von „Il Gat­to­par­do“. „Freu­de und mo­ra­li­sches Ge­setz“ zeigt To­ma­si die Lam­pe­du­sas Fä­hig­keit, die Le­bens­um­stän­de klei­ner An­ge­stell­ter in der Nach­kriegs­zeit eben­so plas­tisch dar­zu­stel­len wie die sei­ner Adels- und Ge­lehr­ten­fi­gu­ren. „Die Stät­ten mei­ner frü­hen Kind­heit“ ist eine be­rüh­ren­de, au­to­bio­gra­fisch ge­färb­te Er­in­ne­rung an Lam­pe­du­sas Kind­heit, de­ren Mo­ti­ve, Orte und Fi­gu­ren sich in „Il Gat­to­par­do“ wi­der­spie­geln.

Die Texte bie­ten Ein­bli­cke in To­ma­si di Lam­pe­du­sas li­te­ra­ri­sche Viel­sei­tig­keit und sein dif­fe­ren­zier­tes Ver­ständ­nis für die si­zi­lia­ni­sche Ge­sell­schaft und Kul­tur.

Tomasi di Lampedusa be­gann erst mit fast 60 Jah­ren zu schrei­ben. Sei­ne pro­duk­ti­ve Pha­se als Au­tor war kurz und be­schränk­te sich auf die letz­ten drei Jah­re vor sei­nem Tod. Eben­so wie Sal­va­to­re Sat­ta („Der Tag des Gerichts“) hat er, ei­ner der be­deu­tends­ten eu­ro­pä­ischen Au­to­ren sei­ner Zeit, den ei­ge­nen Ruhm nicht mehr er­le­ben dür­fen.

Die Erzählungen lie­gen in­zwi­schen in ei­ner Neu­über­set­zung von Moshe Kahn im Pi­per Ver­lag vor.


8. September 2025

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