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"Als meine Nachbarn an jenem Abend zu Bett gegangen waren, räumte ich im Zimmer einen Platz frei, zündete die Öllampe an und legte die Pfeife zurecht. Das ist die Geschichte, die mir die Pfeife erzählte. Ich habe sie bloß aufgeschrieben, Wort für Wort und mit demselben Wort beginnend, mit dem sie auch endet: Bombay." S. 379 Zwischen diesen beiden Bombays (inzwischen Mumbai) liegen etwa 20 Jahre der Veränderung einer Stadt und der Menschen einer Szene, beschrieben von dem Drogenabhängigen Dom Ullis (Ulysses?), der, in Kerbala geboren, ausgewandert nach New York und von dort zurück gekehrt nach Indien, in Bombay und dort in Rashids Khana (Opiumhöhle) landet. Der träge Rauch der Pfeifen, das Ritual der Vorbereitung durch die Pfeifendiener, das Geräusch des brodelnden Opiums über der Flamme und das Einsetzen des Rausches mit seinen Träumen ist nur scheinbar eine Idylle, so trügerisch wie die Bilder, die die Droge induziert. Rashids Kunden sind randständige Menschen, die für ein paar Stunden ihrem Alltag entkommen wollen, die Atmosphäre der Khana und das Opium helfen ihnen dabei. Viele kommen regelmäßig, der Stoff ist der beste in der Stadt, heißt es, die Preise akzeptabel. Aber viele kommen auch, weil sie es müssen. Weil sich Ihnen das Opium in den Leib und in die Seele gefressen hat, weil sie ohne es nicht mehr auskommen. Rashid selbst konsumiert nicht nur Opium, er nimmt alles, was Stimulation und Rausch verspricht. In einem Geschoss zwischen Khana und der Wohnung, die Rashid mit seinen Frauen teilt, wohnt Dimple, der man mit acht Jahren ihre männlichen Geschlechtsteile amputierte, um sie als Hijra auszubilden. Sie lebte und arbeitete in einem Bordell bis Rashid sie zu sich holte. Jetzt bereitet sie seine Pfeifen vor und "bedient" den einen oder anderen Kunden auch auf andere Weise. Den bekannten Maler Xavier zum Beispiel, der – alkoholkrank – hin und wieder für einige Zeit in die Szene der Opiumhöhlen und Bordelle abtaucht. Dimple pflegt eine Freundschaft mit Mr. Lee, der seine eigene kleine Khana betreibt und selbst sein bester Kunde ist. Sie rauchen gemeinsam und Lee, der als Soldat der chinesischen Volksarmee desertiert und nach Indien geflohen war, vermacht Dimple seine wertvollen Opiumpfeifen, als es mit ihm zu Ende geht. In dieses Biotop bricht eine neue Droge ein und verändert alles: Heroin! Man raucht es, schnupft es, inhaliert es und am Ende spritzt man es. Der Handel verspricht höchste Gewinnspannen, die ganze Szene gerät aus den Fugen, so wie parallel dazu auch die Konflikte in der Gesellschaft eskalieren. Religiöse Fundamentalisten bekämpfen einander, Gewaltexzesse sind die Folge. Bombay scheint apokalyptischen Zeiten entgegen zu gehen. Bezugspunkte zu William S. Burroughs Drogenromanen sind nicht zu übersehen bei diesem fulminanten Debüt eines Autors, der inzwischen auch als Performance-Künstler, Lyriker und Musiker reüssiert hat. Und wie Burroughs schreibt Thayil aus eigener Erfahrung, er hat eine 20-jährige Suchtvergangenheit. Wer sich für diese Art Literatur interessiert, dem/der kann ich das Buch nur empfehlen. 3. Mai 2024 |
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