Kassiber W.G. Sebald
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W.G. Sebald Luftkrieg und Literatur W.G. Sebald:
Luftkrieg und Li­te­ra­tur.
Mit einem Es­say zu Al­fred An­dersch.
Fischer Taschen­buch 2005, 154 Sei­ten, ISBN 978-3-596-14863-9

Ausgehend von sei­nen Zür­cher Po­e­tik­vor­le­sun­gen (1997) un­ter­sucht Se­bald die auf­fäl­li­ge Sprach­lo­sig­keit der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur an­ge­sichts der alli­ier­ten Flä­chen­bom­bar­de­ments. Mil­lio­nen Men­schen er­leb­ten die Zer­stö­rung der Städ­te – und doch, so Se­balds zen­tra­le The­se, fand die­se Er­fah­rung kaum an­ge­mes­se­nen li­te­ra­ri­schen Aus­druck.

Als Ausnahmen be­nennt er Hein­rich Böll, des­sen „Der En­gel schwieg“ (1992) erst mit jahr­zehn­te­lan­ger Ver­spä­tung er­schien, so­wie Her­mann Ka­sack, Hans Erich Nos­sack, Pe­ter de Men­dels­sohn und Arno Schmidt.

Sebalds Fokus liegt we­ni­ger auf his­to­ri­scher Re­kon­struk­tion als auf ei­ner li­te­ra­ri­schen und mo­ra­li­schen Be­stands­auf­nah­me: Wa­rum be­schrie­ben zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler – selbst als Au­gen­zeu­gen – die Ka­tas­tro­phe auf­fal­lend blass, dis­tan­ziert oder eu­phe­mis­tisch?* Er deu­tet die­ses Schwei­gen als Symp­tom ei­ner be­schä­dig­ten Er­in­ne­rungs­kul­tur: Die Deut­schen, zu­gleich Tä­ter und Leid­tra­gen­de, hät­ten kei­nen le­gi­ti­men Ort für die Ar­ti­ku­la­tion ei­ge­nen Leids ge­fun­den. Trau­ma, Schuld und ge­sell­schaft­li­cher Neu­an­fang über­la­ger­ten sich – und führ­ten zu ei­ner ei­gen­tüm­li­chen Ver­drän­gung.

Dem stellt er Au­to­ren wie Jean Amé­ry oder Gert Le­dig** ge­gen­ü­ber, die für ihn zu den we­ni­gen ge­hö­ren, de­nen eine scho­nungs­lo­se Dar­stel­lung ge­lang.

Die Idee hinter den Zer­stö­run­gen gan­zer Städ­te durch al­li­ier­te Luft­ver­bän­de war die De­mo­ra­li­sie­rung der deut­schen Be­völ­ke­rung. Se­bald stellt das ge­dank­li­che Kon­zept vor, nach dem der Luft­krieg ge­führt wur­de, und be­schreibt an­hand des Ham­bur­ger Feu­er­sturms (Ope­ra­tion Go­morr­ha) in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 die end­zeit­li­che Stim­mung der brül­len­den Flam­men, die ki­lo­me­ter­hoch zum Him­mel rag­ten, des Or­kans, der „dröhn­te wie mäch­ti­ge Or­geln, an de­nen alle Re­gis­ter ge­zo­gen wur­den zu­gleich“ (S. 34) und der Men­schen als le­ben­de Fa­ckeln vor sich her­trieb. Sze­nen, die bis da­hin un­vor­stell­bar ge­we­sen sind. Se­bald ist in die­sem Zu­sam­men­hang vor­ge­wor­fen wor­den, den Deut­schen eine Op­fer­rol­le zu­zu­wei­sen, die ih­nen an­ge­sichts der Schwe­re der be­gan­ge­nen Ver­bre­chen nicht zu­ge­bil­ligt wer­den kann. Er ver­wahrt sich ge­gen die­se er­wart­ba­ren Vor­wür­fe, in­dem er ex­pli­zit und ohne jede Ein­schrän­kung die Schuld und Ver­ant­wor­tung der Deut­schen be­nennt.

Für die Buch­ver­öf­fent­li­chung über­ar­bei­te­te Se­bald sei­ne Zür­cher Vor­le­sun­gen von 1997 und rea­gier­te auf die er­hal­te­nen Re­akt­io­nen. Die Vor­le­sun­gen selbst be­zeich­net er als „eine un­fer­ti­ge Samm­lung di­ver­ser Beob­ach­tun­gen, Ma­te­ria­lien und The­sen, von der ich ver­mu­te­te, daß sie in vie­lem der Er­gän­zung und Kor­rek­tur be­dürf­te“ (S. 75) – eine Er­war­tung, die sich nicht er­füll­te. Fo­to­gra­fien und Do­ku­men­te er­gän­zen den Text. Als di­rek­te Er­wi­de­rung auf Se­balds The­se ver­öf­fent­lich­te Vol­ker Hage 2003 „Zeu­gen der Zer­stö­rung“ (S. Fi­scher), eine Samm­lung li­te­ra­ri­scher Zeug­nis­se, die sich mit den Fol­gen des Luft­kriegs aus­ei­nan­der­set­zen.

Der Band en­thält zu­dem ei­nen kri­ti­schen Es­say zu Le­ben und Werk Al­fred An­derschs. Se­balds Kri­tik an An­dersch ist Teil sei­ner um­fas­sen­den An­kla­ge ge­gen die deut­sche Nach­kriegs­li­te­ra­tur, die sei­ner An­sicht nach die NS-Ka­tas­tro­phe und ihre Fol­gen nicht an­ge­mes­sen ver­ar­bei­te­te. An­dersch ver­kör­pert für ihn exem­pla­risch eine Au­to­ren­ge­ne­ra­tion, die sich in äs­the­ti­schen Kon­struk­tio­nen ver­lor, an­statt die his­to­ri­sche Wahr­heit zu be­nen­nen.


* „Das anscheinend un­be­scha­de­te Wei­ter­funk­tio­nie­ren der Nor­mal­spra­che in den meis­ten Au­gen­zeu­gen­be­rich­ten ruft Zwei­fel he­rauf an der Au­then­ti­zi­tät der in ih­nen auf­ge­ho­be­nen Er­fah­run­gen.“ S. 32

** Gert Ledig: Ver­gel­tung. S. Fi­scher 1956.


Geschichte

17. Februar 2026

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