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Leonardo Sciascia Mein Sizilien Leonardo Sciascia:
Mein Sizilien.
Aus dem Italienischen von Mar­ti­na Kemp­ter und Sig­rid Vagt.
Verlag Klaus Wagenbach 2003, 140 Seiten, ISBN 3 8031 1152 8

Leonardo Sciascia wurde 1921 in Ra­cal­mu­to auf Si­zi­lien ge­bo­ren und ver­ließ die In­sel nur sel­ten. Sein Ver­ständ­nis für die Men­schen und die his­to­ri­schen Ein­flüs­se, die sie über die Jahr­hun­der­te präg­ten, speist sich aus die­ser Ver­bun­den­heit. Frem­de Er­obe­rer und Na­tur­ge­wal­ten – ins­be­son­de­re die wie­der­keh­ren­den Aus­brü­che des Ätna – form­ten das Land und die Men­schen. Scia­scias Werk zeugt von ei­nem am­bi­va­len­ten Ver­hält­nis zu sei­ner Hei­mat: Er kon­tras­tiert die Schön­heit der Land­schaft mit der Ar­mut der Be­völ­ke­rung, die er als Kind selbst er­leb­te, da sein Va­ter in den Schwe­fel­mi­nen ar­bei­te­te.

Die Texte aus den 1970er- und 1980er-Jah­ren um­fas­sen Re­por­ta­gen, Por­träts und Re­fle­xio­nen über Orte, Ge­schich­te und die Ma­fia. Scia­scia be­schreibt die si­zi­lia­ni­sche Na­tur und Ar­chi­tek­tur – etwa die Küs­ten, die Dör­fer am Ätna oder die Un­wirk­lich­keit Pa­ler­mos – ohne ver­klä­ren­de Ro­man­tik, son­dern er­gänzt sie mit den so­zia­len Miss­stän­den und po­li­ti­schen Pro­ble­men, de­nen die Be­woh­ner der In­sel aus­ge­setzt wa­ren und sind. Be­son­ders deut­lich wird die­se Span­nung in Es­says wie „Li­te­ra­tur und Ma­fia“ oder in sei­nen Ana­ly­sen zu Giu­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­du­sas „Der Leo­pard“.

Sizilien er­scheint bei Scia­scia nie als Idyll, son­dern als ein Ort ar­cha­i­scher Sinn­lich­keit und po­li­ti­scher Aus­weg­lo­sig­keit. Ob er über Ra­cal­mu­to, Pa­ler­mo oder Ca­ta­nia schreibt: Stets zeigt er die Wi­der­sprü­che zwi­schen kul­tu­rel­ler Fül­le und ge­sell­schaft­li­cher Rea­li­tät auf. Die Tex­te füh­ren durch Schau­plät­ze, die auch To­ma­si di Lam­pe­du­sa li­te­ra­risch ver­e­wigt hat, oder durch „Mus­so­li­nia“, eine von Mus­so­li­ni ge­plan­te, aber ge­schei­ter­te Stadt nahe Cal­ta­gi­ro­ne.

Nach seiner Tä­tig­keit als Volks­schul­leh­rer wid­me­te sich Scia­scia ab 1957 aus­schließ­lich dem Schrei­ben. Sein Werk um­fasst Kri­mi­nal­ro­ma­ne, Er­zäh­lun­gen, Es­says und Ge­dich­te. Er starb 1989 in Pa­ler­mo.

Das Buch ist in der schö­nen Rei­he SAL­TO bei Wa­gen­bach er­schie­nen. Ro­ter Lei­nen­ein­band, fa­den­ge­hef­tet, so sol­len Bü­cher sein. Ein­zig die Qua­li­tät der zahl­rei­chen Fo­to­re­pro­duk­tio­nen ist be­kla­gens­wert. Das wäre ver­bes­se­rungs­wür­dig.


Leonardo Scia­scia: Das He­xen­ge­richt

26. September 2025

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