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Rainer Schmitz Was geschah mit Schillers Schädel Rainer Schmitz:
Was geschah mit Schil­lers Schä­del. Alles, was Sie über Li­te­ra­tur nicht wis­sen.
Eichborn Verlag 2006, 1828 Spal­ten, ISBN 978-3-8218-5775-6

Rainer Schmitz' Buch „Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del“ ist ein un­ge­wöhn­li­ches und in­for­ma­ti­ves Li­te­ra­tur­le­xi­kon, das auf über 900 Sei­ten mehr als 1.200 al­pha­be­tisch ge­ord­ne­te Stich­wör­ter ver­sam­melt. Es bie­tet eine Fül­le von Anek­do­ten, Ge­rüch­ten, Ku­rio­si­tä­ten und Fak­ten aus der Li­te­ra­tur­ge­schich­te – von der An­ti­ke bis in die Ge­gen­wart. Der Ti­tel spielt auf die mys­te­riö­se Ge­schich­te um Fried­rich Schil­lers Schä­del an, der nach des­sen Tod 1805 an­geb­lich als Brief­be­schwe­rer bei Goe­the lan­de­te und des­sen Echt­heit bis heu­te um­strit­ten ist.

Schmitz prä­sen­tiert Klatsch und Tratsch, skur­ri­le, mensch­li­che und oft skan­da­lö­se Ge­schich­ten hin­ter den gro­ßen Na­men der Li­te­ra­tur. Die Ein­trä­ge rei­chen von „A“ („Wenn Schwäch­lin­ge an­fan­gen, über den ers­ten Buch­sta­ben des Al­pha­bets nach­zu­den­ken, kön­nen sie ganz schnell dem Wahn­sinn ver­fal­len.“ Aus ei­nem Brief Ar­thur Rim­bauds.) über die un­ge­lös­te Fra­ge nach dem Ver­bleib von Schil­lers Schä­del bis hin zu The­men wie „Pla­gia­te“, „Ti­tel“, „To­des­ar­ten“ und „Zy­lin­der“. Be­son­ders aus­führ­lich be­han­delt wer­den Lieb­lings­au­to­ren des Ver­fas­sers wie Goe­the, Schil­ler, Kaf­ka oder Shake­speare.

Das Lexikon ver­bin­det Ku­rio­ses (etwa die Schreib­ri­tua­le be­rühm­ter Au­to­ren) mit se­ri­ösen Fak­ten (Auf­la­gen­hö­hen, No­bel­preis­trä­ger, Zen­sur). Schmitz deckt Pla­gia­te, Vet­tern­wirt­schaft und Druck­feh­ler auf und er­zählt von ver­schol­le­nen Ma­nu­skrip­ten, Ghost­wri­tern und un­ge­wöhn­li­chen To­des­um­stän­den.

Das Buch lädt zum Stö­bern ein*, es ist un­ter­halt­sam und doch... Ge­le­gent­lich stutzt man. Kann der Ein­trag zu „Sand­ku­chen“ noch als Scherz ver­stan­den wer­den („Eine Back­krea­tion von George Sand und nach ihr be­nannt. Wirk­lich.“), ist das Fol­gen­de so falsch, dass man sich wun­dert, wie es vom Au­tor oder dem Lek­to­rat (falls es eins ge­ge­ben ha­ben soll­te, es darf ge­zwei­felt wer­den) über­se­hen wer­den konn­te: „Ein Jahr vor sei­nem Tod ver­öf­fent­lich­te Witt­gen­stein den Trac­ta­tus lo­gi­co-sui­ci­da­lis. Da­rin wird der Selbst­mord als Ge­setz fest­ge­schrie­ben. 1046 Apho­ris­men be­fas­sen sich mit der Auf­ga­be: »Ge­ge­ben ist der Tod, bit­te fin­den Sie die Le­bens­ur­sa­che he­raus.« Bei sei­nem Selbst­mord wa­ren die Le­ser da­her nicht mehr über­rascht.“ Spal­te 1324

Denn natürlich ist Her­mann Bur­ger der Au­tor des Trac­ta­tus lo­gi­co-sui­ci­da­lis und be­ging Sui­zid, Lud­wig Witt­gen­stein schrieb den Trac­ta­tus lo­gi­co-phi­lo­so­phi­cus.

Es empfiehlt sich da­her, den In­for­ma­tio­nen, die das Buch in Hül­le und Fül­le zu lie­fern scheint, mit ei­nem ge­wis­sen Miss­trau­en zu be­geg­nen. Ge­le­gent­lich drängt sich auch der Ein­druck auf, dass die im­mer wie­der­keh­ren­den Be­zü­ge zu li­te­ra­ri­schen Fäl­schun­gen und Pla­gia­ten eine Leer­stel­le ha­ben, die das vor­lie­gen­de Buch leicht fül­len könn­te.


* Dabei ist das sehr um­fang­rei­che Per­so­nen­re­gis­ter mehr als nur hilf­reich.


15. September 2025

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