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Roberto Saviano, bekannt durch seinen Bestseller „Gomorrha“ (2006) und seitdem unter Personenschutz lebend, untersucht in „Zero Zero Zero“ die globalen Strukturen des Kokainhandels – von brutalen Kartellkriegen in Mexiko bis zur Geldwäsche in New Yorker und Londoner Banken. Sein Buch verbindet literarische Erzählweise mit journalistischer Recherche und zeigt, wie Kokain nicht nur eine Droge, sondern ein zentraler Motor der Weltwirtschaft geworden ist. Savianos Recherche beginnt in Mexiko, wo Kartelle wie die Zetas und das Golf-Kartell durch extreme Gewalt ihre Macht sichern. Allein zwischen 2006 und 2012 kostete der Drogenkrieg dort etwa 70.000 Menschen das Leben. Kolumbien, einst Zentrum des Kokainhandels, ist zwar nicht mehr führend, bleibt aber mit 60% der weltweiten Produktion ein Schlüsselspieler. Das Sinaloa-Kartell agiert heute wie ein globaler Konzern, ähnlich wie US-amerikanische Multis im Obsthandel. Die Gewinne aus dem Drogenhandel fließen zu 97,4% über US-amerikanische und europäische Banken in den legalen Wirtschaftskreislauf.* Saviano behauptet, dass Drogengelder die Finanzkrise 2008/09 abmilderten: Sie deckten mehr als ein Drittel der Bankenverluste. Ohne diese „Narcodollar“ wäre das Finanzsystem noch stärker ins Wanken geraten. Saviano beschreibt, wie Kokain durch ein System von Korruption und Terror Demokratien untergräbt (z. B. Mexiko) und die legale Wirtschaft korrumpiert. Am Beispiel der kalabrischen ’Ndrangheta, die mit kolumbianischen Kartellen ein weltweites Netz spannt, erläutert er die internationalen Verbindungen krimineller Strukturen von Deutschland bis Australien. Die Droge ermöglicht Gewinnspannen wie kein anderes Produkt** und gibt den Kartellen Macht über Staaten und Märkte. Das Buch ist eine Mischung aus Reportage, Analyse und autobiografischen Sequenzen. Saviano verbindet Einzelgeschichten zu einer großen Erzählung über den „Narko-Kapitalismus“. Er schildert grausame Details – von Foltermethoden bis zu Drogenkurieren (sogenannte Mulis), die Kokaincontainer verschlucken und eines qualvollen Todes sterben, wenn diese sich im Körper öffnen. Sein Fazit: Kokain ist das profitabelste „multinationale Unternehmen“ der Welt. Als möglichen Ausweg nennt er die Legalisierung***, kritisiert aber auch die schwache Gesetzgebung, etwa in Deutschland, die Ermittler gegen kriminelle Netzwerke behindert. Insgesamt zeigt „Zero Zero Zero“ das zerstörerische Zusammenspiel von Gewalt, Kapital und internationaler Politik im globalen Kokainhandel. Die Informationsfülle ist enorm und hat mich gelegentlich überfordert. Die Dokumentation der Querverbindungen zwischen Personen und Organisationen, die Auf- und Abstiege der diversen Narkobosse und ihrer Handlanger sowie die unglaublichen Mengen des sichergestellten Kokains durch die Jahrzehnte und Kontinente vermittelt nicht selten den Eindruck eines Klassenprimus, der mit seinem Wissen glänzen möchte. Für die nachvollziehbare Darstellung der Strukturen von Kriminalität, Wirtschaft und Politik fand ich es eher hinderlich. * „New York und London sind derzeit die zwei größten Geldwaschanlagen für schmutziges Kapital weltweit. Nicht mehr die Steuerparadiese, die Cayman Islands oder die Isle of Man, sondern die City of London und die Wall Street.” S. 309 ** „Hätte man Anfang 2012 1000 Euro in Apple-Aktien investiert, könnte man heute 1670 Euro sein Eigen nennen. Nicht schlecht. Hätte man das Geld in Kokain gesteckt, wären es jetzt 182.000 Euro, hundertmal mehr als bei einer Investition in die Rekordaktie des Jahres!” S. 97 *** „Die Strategien der Bekämpfung verfehlen offenbar immer ihr Ziel. So fürchterlich es klingen mag, die völlige Legalisierung der Drogen könnte die einzige Antwort sein. Eine schreckliche, entsetzliche, abscheuliche, beängstigende Antwort, mag sein. Aber die einzig mögliche, um alles zum Stillstand zu bringen. Um die immer größer werdenden Umsätze zu stoppen. Um den Krieg zu stoppen. Zumindest ist es die einzige Antwort, auf die man kommt, wenn man sich am Ende die Frage stellt: Und was nun?” S. 479 → Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra. 16. November 2025 |
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