Kassiber Roberto Saviano
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Roberto Saviano Kokain Roberto Saviano:
Zero Zero Zero. Wie Ko­ka­in die Welt be­herrscht.
Aus dem Ita­lie­ni­schen von Rita Seuß und Wal­ter Kög­ler.
dtv 2015, 485 Seiten, ISBN 978-3-423-34853-9

Roberto Saviano, be­kannt durch sei­nen Best­sel­ler „Go­morr­ha“ (2006) und seit­dem un­ter Per­so­nen­schutz le­bend, un­ter­sucht in „Zero Zero Zero“ die glo­ba­len Struk­tu­ren des Ko­ka­in­han­dels – von bru­ta­len Kar­tell­krie­gen in Me­xi­ko bis zur Geld­wä­sche in New Yor­ker und Lon­do­ner Ban­ken. Sein Buch ver­bin­det li­te­ra­ri­sche Er­zähl­wei­se mit jour­na­lis­ti­scher Re­cher­che und zeigt, wie Ko­ka­in nicht nur eine Dro­ge, son­dern ein zen­tra­ler Mo­tor der Welt­wirt­schaft ge­wor­den ist.

Savianos Re­cher­che be­ginnt in Me­xi­ko, wo Kar­tel­le wie die Ze­tas und das Golf-Kar­tell durch ex­tre­me Ge­walt ihre Macht si­chern. Al­lein zwi­schen 2006 und 2012 kos­te­te der Dro­gen­krieg dort etwa 70.000 Men­schen das Le­ben. Ko­lum­bien, einst Zen­trum des Ko­ka­in­han­dels, ist zwar nicht mehr füh­rend, bleibt aber mit 60% der welt­wei­ten Pro­duk­tion ein Schlüs­sel­spie­ler. Das Si­na­loa-Kar­tell agiert heu­te wie ein glo­ba­ler Kon­zern, ähn­lich wie US-ame­ri­ka­ni­sche Mul­tis im Obst­han­del.

Die Gewinne aus dem Dro­gen­han­del fließen zu 97,4% über US-ame­ri­ka­ni­sche und eu­ro­päi­sche Ban­ken in den le­ga­len Wir­tschafts­kreis­lauf.* Sa­via­no be­haup­tet, dass Dro­gen­gel­der die Fi­nanz­kri­se 2008/09 ab­mil­der­ten: Sie deck­ten mehr als ein Drit­tel der Ban­ken­ver­lus­te. Ohne die­se „Nar­co­dol­lar“ wäre das Fi­nanz­sys­tem noch stär­ker ins Wan­ken ge­ra­ten.

Saviano be­schreibt, wie Ko­ka­in durch ein Sys­tem von Kor­rup­tion und Ter­ror De­mo­kra­tien un­ter­gräbt (z. B. Me­xi­ko) und die le­ga­le Wirt­schaft kor­rum­piert. Am Bei­spiel der ka­la­bri­schen ’Ndran­ghe­ta, die mit ko­lum­bia­ni­schen Kar­tel­len ein welt­wei­tes Netz spannt, er­läu­tert er die in­ter­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen kri­mi­nel­ler Struk­tu­ren von Deutsch­land bis Aus­tra­lien. Die Dro­ge er­mög­licht Ge­winn­span­nen wie kein an­de­res Pro­dukt** und gibt den Kar­tel­len Macht über Staa­ten und Märk­te.

Das Buch ist eine Mi­schung aus Re­por­ta­ge, Ana­ly­se und au­to­bio­gra­fi­schen Se­quen­zen. Sa­via­no ver­bin­det Ein­zel­ge­schich­ten zu ei­ner gro­ßen Er­zäh­lung über den „Nar­ko-Ka­pi­ta­lis­mus“. Er schil­dert grau­sa­me De­tails – von Fol­ter­me­tho­den bis zu Dro­gen­ku­rie­ren (so­ge­nann­te Mu­lis), die Ko­ka­in­con­tai­ner ver­schlu­cken und ei­nes qual­vol­len To­des ster­ben, wenn die­se sich im Kör­per öff­nen. Sein Fa­zit: Ko­ka­in ist das pro­fi­ta­bels­te „mul­ti­na­tio­na­le Un­ter­neh­men“ der Welt. Als mög­li­chen Aus­weg nennt er die Le­ga­li­sie­rung***, kri­ti­siert aber auch die schwa­che Ge­setz­ge­bung, etwa in Deutsch­land, die Er­mitt­ler ge­gen kri­mi­nel­le Netz­wer­ke be­hin­dert. Ins­ge­samt zeigt „Zero Zero Zero“ das zer­stö­re­ri­sche Zu­sam­men­spiel von Ge­walt, Ka­pi­tal und in­ter­na­tio­na­ler Po­li­tik im glo­ba­len Ko­ka­in­han­del.

Die In­for­ma­tions­fül­le ist enorm und hat mich ge­le­gent­lich über­for­dert. Die Do­ku­men­ta­tion der Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen Per­so­nen und Or­ga­ni­sa­tio­nen, die Auf- und Ab­stie­ge der di­ver­sen Nar­ko­bos­se und ih­rer Hand­lan­ger so­wie die un­glaub­li­chen Men­gen des si­cher­ge­stell­ten Ko­ka­ins durch die Jahr­zehn­te und Kon­ti­nen­te ver­mit­telt nicht sel­ten den Ein­druck eines Klas­sen­pri­mus, der mit sei­nem Wis­sen glän­zen möch­te. Für die nach­voll­zieh­ba­re Dar­stel­lung der Struk­tu­ren von Kri­mi­na­li­tät, Wirt­schaft und Po­li­tik fand ich es eher hin­der­lich.


* „New York und Lon­don sind der­zeit die zwei größ­ten Geld­wasch­an­la­gen für schmut­zi­ges Ka­pi­tal welt­weit. Nicht mehr die Steu­er­pa­ra­die­se, die Cay­man Is­lands oder die Isle of Man, son­dern die City of Lon­don und die Wall Street.” S. 309

** „Hätte man An­fang 2012 1000 Euro in Apple-Ak­tien in­ves­tiert, könn­te man heu­te 1670 Euro sein Ei­gen nen­nen. Nicht schlecht. Hät­te man das Geld in Ko­ka­in ge­steckt, wä­ren es jetzt 182.000 Euro, hun­dert­mal mehr als bei ei­ner In­ves­ti­tion in die Re­kord­ak­tie des Jah­res!” S. 97

*** „Die Strategien der Be­kämp­fung ver­feh­len of­fen­bar im­mer ihr Ziel. So fürch­ter­lich es klin­gen mag, die völ­li­ge Le­ga­li­sie­rung der Dro­gen könn­te die ein­zi­ge Ant­wort sein. Eine schreck­li­che, ent­setz­li­che, ab­scheu­li­che, be­ängs­ti­gen­de Ant­wort, mag sein. Aber die ein­zig mög­li­che, um al­les zum Still­stand zu brin­gen. Um die im­mer grö­ßer wer­den­den Um­sät­ze zu stop­pen. Um den Krieg zu stop­pen. Zu­min­dest ist es die ein­zi­ge Ant­wort, auf die man kommt, wenn man sich am Ende die Fra­ge stellt: Und was nun?” S. 479


Roberto Sa­via­no: Go­morr­ha. Rei­se in das Reich der Ca­mor­ra.

16. November 2025

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