Kassiber Mohamed Mbougar Sarr
Autoren Glossen Lyrik

Die geheimste Erinnerung der Menschen Mohamed Mbougar Sarr:
Die ge­heims­te Er­in­ne­rung der Men­schen. Ro­man.
Aus dem Fran­zö­si­schen von Sa­bi­ne Mül­ler und Hol­ger Fock.
Carl Hanser Verlag 2022, 441 Sei­ten, ISBN 978-3-446-27411-2

Der junge se­ne­ga­le­si­sche Schrift­stel­ler Diégane La­tyr Faye ent­deckt ein na­he­zu ver­ges­se­nes Buch aus dem Jahr 1938: „Das La­by­rinth des Un­mensch­li­chen“ von T. C. Eli­ma­ne, der einst als „schwar­zer Rim­baud“ ge­fei­ert wur­de, nach ei­nem Skan­dal und ras­sis­ti­schen An­fein­dun­gen je­doch spur­los ver­schwand. Dié­ga­ne be­gibt sich auf eine ob­ses­si­ve Spu­ren­su­che, die ihn von Pa­ris über Bue­nos Ai­res zu­rück in den Se­ne­gal führt.

Sarr er­zählt die­se Ge­schich­te in ei­ner for­ma­len Viel­falt: Ta­ge­buch­ein­trä­ge, fik­ti­ve Re­zen­sio­nen, In­ter­views, Mo­no­lo­ge und „Bio­gra­phe­me“ wech­seln sich ab und schaf­fen ein kom­ple­xes Stim­men­ge­flecht. Die Fi­gur des Eli­ma­ne nimmt da­bei Be­zug auf den ma­li­schen Au­tor Yam­bo Ouo­lo­guem [1], des­sen mit dem Prix Re­nau­dot aus­ge­zeich­ne­ter Ro­man „Das Ge­bot der Ge­walt“ 1968 un­ter Pla­gi­ats­vor­wür­fen in ei­nen Skan­dal ge­riet.

Der Ro­man ist weit mehr als eine De­tek­tiv­ge­schich­te. Sarr se­ziert mit sa­ti­ri­schem Elan den Li­te­ra­tur­be­trieb und des­sen Um­gang mit af­ri­ka­ni­schen Au­to­ren [2]. Die ein­ge­floch­te­nen fik­ti­ven Kri­ti­ken aus den 1930er Jah­ren ent­lar­ven den durch­gän­gi­gen Ras­sis­mus der Zeit – ob bei pro­gres­si­ven Hu­ma­nis­ten, Li­te­ra­tur­a­ris­to­kra­ten oder „Kul­tur­gaul­lis­ten“. Zu­gleich kri­ti­siert Sarr auch die Er­war­tungs­hal­tun­gen an af­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur: Muss sie „af­ri­ka­nisch ge­nug“ sein? Oder darf sie uni­ver­sell sein?

Kaleidoskopartig fü­gen sich die Fa­cet­ten des ge­heim­nis­vol­len T.C. Eli­ma­ne zu­ei­nan­der, um doch im­mer wie­der ge­bro­chen und ver­scho­ben zu wer­den. Die Viel­zahl der Spu­ren und die Di­ver­si­tät der be­frag­ten Zeu­gen ge­hen da­bei weit über die Per­son des Au­tors hi­naus und drin­gen in das La­by­rinth ak­tu­el­ler Iden­ti­täts­de­bat­ten ein.

„Die geheimste Er­in­ne­rung der Men­schen“ ist eine he­raus­for­dern­de Lek­tü­re, die Zeit ver­langt und ein ge­wis­ses Durch­hal­te­ver­mö­gen. Doch man wird mit ei­nem au­ßer­ge­wöhn­li­chen li­te­ra­ri­schen Text be­lohnt: ei­nem Ro­man über die exis­ten­ti­el­len Kämp­fe des Schrei­bens, über Er­in­ne­rung und Ver­ges­sen, über Macht und Ohn­macht der Li­te­ra­tur, über Iden­ti­tät und Zu­ge­hö­rig­keit.

„Die geheimste Er­in­ne­rung der Men­schen“ ist ein viel­stim­mi­ges li­te­ra­ri­sches La­by­rinth über die Su­che nach ei­nem ver­schol­le­nen Au­tor und zu­gleich eine Aus­ei­nan­der­set­zung mit Ko­lo­ni­a­lis­mus, Li­te­ra­tur­kri­tik und der Fra­ge nach af­ri­ka­ni­scher Iden­ti­tät. Die sti­lis­ti­sche Band­brei­te reicht von poe­ti­scher Ver­dich­tung bis zu dras­ti­schem Rea­lis­mus. Für mich war es ein gro­ßes Le­se­er­leb­nis.

Mohamed Mbougar Sarr wur­de 1990 im Se­ne­gal als äl­tes­ter von sie­ben Söh­nen ge­bo­ren. Be­reits mit sei­nem De­büt­ro­man „La cale“ („Der Keil“) von 2014 er­reg­te er Auf­merk­sam­keit und wur­de mit ei­nem re­nom­mier­ten Li­te­ra­tur­preis [3] aus­ge­zeich­net. Sei­ne fol­gen­den Ver­öf­fent­li­chun­gen fan­den durch­weg gro­ßen An­klang bei der Kri­tik und er­hiel­ten di­ver­se Aus­zeich­nun­gen.

2021, im Al­ter von nur 31 Jah­ren, wurde Sarr mit „La plus se­crète mémoire des hommes“ („Die ge­heims­te Er­in­ne­rung der Men­schen“) zum jüngs­ten Ge­win­ner des Prix Gon­court in der Ge­schich­te des be­deu­tends­ten fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur­prei­ses. Der Ro­man er­schien 2022 auf Deutsch. Sarrs Werk zeich­net sich durch die Aus­ei­nan­der­set­zung mit post­ko­lo­ni­a­len The­men, po­li­ti­schen Fra­ge­stel­lun­gen und me­ta­fik­tio­na­len Re­fle­xio­nen über Li­te­ra­tur selbst aus. Mit sei­nem un­ge­mein be­le­se­nen, sti­lis­tisch ver­sier­ten Schrei­ben gilt er als eine der wich­tigs­ten Stim­men der zeit­ge­nös­si­schen fran­ko­pho­nen Li­te­ra­tur.


1. Yambo Ouologuem (1940–2017) wur­de in Mali ge­bo­ren, leb­te von 1960 bis in die spä­ten sieb­zi­ger Jah­re in Pa­ris. Nach­dem mas­si­ve Pla­gi­ats­vor­wür­fe ge­gen sein Haupt­werk Le de­voir de vio­lence (Das Ge­bot der Ge­walt) er­ho­ben wor­den wa­ren, kehr­te er nach Mali zu­rück, ohne sich je­doch wei­ter li­te­ra­risch zu be­tä­ti­gen.

2. „Wird über Li­te­ra­tur, über äs­the­ti­sche Wer­te ge­spro­chen, oder spricht man über Per­so­nen, über ihre Haut­far­be, ihre Stim­me, ihr Al­ter, ihr Haar, ih­ren Hund, das Fell ih­rer Kat­ze, ihre Woh­nungs­ein­rich­tung, die Far­be ihres Sak­kos? Spricht man über das Schrei­ben oder über die Iden­ti­tät, über den Stil oder die me­di­a­len Bil­der, die es er­ü­bri­gen, ei­nen Stil zu ha­ben, geht es um die li­te­ra­ri­sche Schöp­fung oder die Sen­sa­tions­gier, den Per­so­nen­kult?“ S. 295

3. Prix Stéphane-Hessel


22. Januar 2026

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