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Am 26. September 1988 erschien das Buch des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie "Die satanischen Verse". Knapp 5 Monate später, am 14. Februar 1989, verkündete der iranische Ayatollah Chomeini, der religiöse und politische Führer der Islamischen Republik Iran, eine Fatwa, die den Autor des Buches zum Tode verurteilte und alle Muslime dazu aufforderte, ihn zu töten. Im November des Erscheinungsjahres erhielten "Die satanischen Verse" den Whitbread-Preis zugesprochen, gleichzeitig mehrten sich die Zeichen, dass einige Passagen des Werkes in manchen Teilen der Welt als islamfeindliche Provokation aufgefasst werden würden. Die Einfuhr nach Indien wurde verboten, es kam zu Unruhen und Verbrennungen des Buches sowie von Puppen und Porträts, die den Autor darstellen sollten. In der muslimischen Welt breitete sich die Ansicht aus, es handele sich bei dem Werk um eine blasphemische Verunglimpfung des Propheten, die nur mit dem Tod des Autors und all jenen gesühnt werden kann, die an der Produktion und Verbreitung des Buches beteiligt sind. Rushdie musste untertauchen. "Joseph Anton" beschreibt die Zeit, insgesamt mehr als 13 Jahre, in der Salman Rushdie unter strengem Personenschutz ein Leben in ständiger Bedrohung führen musste. Ein Leben unter Bewachung und dem Verlust nahezu jeder Privatsphäre, ein Leben, auf dessen Auslöschung Millionen Dollar ausgesetzt waren und hasserfüllte Massen seinen Tod forderten. Indien, sein Geburtsland, verweigerte ihm die Einreise, seine Bücher standen auf dem Index zahlreicher Länder, die Kontakte zu Freunden und seinem aus erster Ehe stammenden Sohn waren stark eingeschränkt und konnten nur unter klandestinen Bedingungen stattfinden. Rushdie, der sein Pseudonym nach den Vornamen Joseph Conrads und Anton Cechovs gewählt hatte, erlebte in dieser Zeit das Scheitern seiner zweiten Ehe, die den Bedingungen der Verfolgung nicht stand halten konnte, er erlebte die Wankelmütigkeit der britischen Regierung und von Teilen der englischen Presse, die eine Diskussion über die Kosten führten, die durch seinen Personenschutz entstanden, statt die Todesdrohungen gegen ihn einmütig zu verdammen. Weltweit wurde erwogen, welchen Anteil er selbst an der Situation hatte, in der er sich befand, schließlich habe er den Gründer einer Weltreligion beleidigt. Wortführer nahezu aller größeren Religionsgemeinschaften ließen es sich nicht nehmen, derartige Verunglimpfungen gegen religiöses Empfinden aufs Schärfste zu verdammen. Die Freiheit von Literatur und Meinung habe dahinter zurück zu stehen. Aber es kam auf der anderen Seite auch zu Wellen der Solidarität mit dem verfolgten Autor. In Deutschland etwa gründete sich der Verlag "Artikel 19" (in Bezug auf den Artikel 19 der Erklärung der Menschenrechte, der die Freiheit von Meinung und Information deklariert), bestehend aus einem Zusammenschluss mehrerer Verlage und Herausgeber aus dem deutschsprachigen Raum, nachdem Kiepenheuer & Witsch die Produktion der deutschen Ausgabe eingestellt hatte, und publiziert die "Verse" in einer hohen Auflage. Im Dezember 1990 gibt Rushdie dem Druck der Öffentlichkeit und den Versprechungen auf eine Aufhebung der Morddrohungen nach und entschuldigt sich öffentlich für die Passagen in seinem Buch, die den islamischen Glauben verletzen können. Außerdem verzichtet er auf weitere Übersetzungen und die Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe der "Satanischen Verse". Er, der sich immer als ungläubig bezeichnet hatte, deutet an, sich wieder dem Islam zugewandt zu haben. Doch den Fanatikern im Iran und anderswo reicht eine solche Erklärung nicht, sie bestehen weiter auf der Gültigkeit der Fatwa und der Aufforderung an alle Muslime weltweit, den blasphemischen Autor zu töten. Rushdie, der sein Zurückweichen vor dem Terror als Niederlage empfindet, die ihn mit Scham erfüllt, widerruft ein Jahr später in einem öffentlichen Vortrag in der Columbia Universität seine Entschuldigung und betont seine Entschlossenheit, sich kompromisslos für Meinungsfreiheit und die Freiheit der Literatur einzusetzen. Sein Kampf, ein "normales" Leben führen zu können, sollte noch weitere 11 Jahre zwischen Hoffnungen, Enttäuschungen und Niederlagen andauern, bis im Februar 2002 die letzten Schutzmaßnahmen aufgehoben wurden. Doch wie wir inzwischen wissen, wurde Salman Rushdie im August 2022 bei einer Konferenz angegriffen und verlor dabei ein Auge. "Joseph Anton" ist mit 719 Seiten auch inhaltlich kein leichter Brocken. Die Lektüre ist phasenweise spannend wie ein Krimi, berührend, beklemmend und doch auch ärgerlich, wenn beispielsweise seine Beziehungen in die Verlagsbranche bis in die kleinsten Verästelungen dargestellt werden und seine Abrechnungen mit Kollegen und Exfrauen allzu intim und nachtragend werden. Der Text basiert auf Rushdies Tagebucheinträgen, anders ist nicht zu erklären, wie er noch nach Jahrzehnten die Anwesenheit welcher Prominenz bei welchen Empfängen und mit wem welche Gespräche geführt worden sind, memorieren könnte. Ein 11-seitiges Personenregister mit über 1000 Einträgen am Ende des Bandes unterstützt eine solche Vermutung. Dennoch halte ich das Buch für einen wichtigen Beitrag zur Stellung von Literatur in der Gesellschaft und von der Notwendigkeit religiös motivierte Übergriffe rechtzeitig zu erkennen und zu stoppen. Rushdie selbst benutzt dazu Einstellungen aus Hitchcocks "Die Vögel", in denen sich zuerst nur eine Krähe auf einem Klettergerüst niederlässt, dann eine zweite und schließlich der Horror losbricht. 17. Mai 2024 |
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