Kassiber Bärbel Reetz
Autoren Glossen Lyrik

Emmy Hennings Hugo Ball Bärbel Reetz:
Das Paradies war für uns. Emmy Ball-Hen­nings und Hugo Ball.
Insel Verlag 2015, 480 Sei­ten, ISBN 978-3-458-36100-8

Emmy Hennings und Hugo Ball zäh­len zu den schil­lernds­ten Paa­ren der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur des 20. Jahr­hun­derts. Als über­zeug­te Kriegs­geg­ner flo­hen sie wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs in die Schweiz, wo sie nicht nur zu Mit­be­grün­dern der Da­da-Be­we­gung wur­den, son­dern auch zu de­ren frü­hen Dis­si­den­ten. Wäh­rend Reetz im ers­ten Teil ih­rer Stu­die die Kind­hei­ten bei­der Pro­ta­go­nis­ten pa­ral­lel nach­zeich­net, kon­zen­triert sich der Haupt­teil auf die ge­mein­sa­me Zeit zwi­schen 1915 und Balls Tod im Jahr 1927.

Emmy Hennings, 1885 als Emma Cord­sen ge­bo­ren, brach ra­di­kal mit ih­rer bür­ger­li­chen Her­kunft und tin­gel­te mit The­a­ter­trup­pen durchs Land, wäh­rend ihre Toch­ter aus ers­ter Ehe, An­ne­ma­rie, bei der Groß­mut­ter blieb. Ihr Le­ben war ge­prägt von der Bo­hème, Dro­gen­sucht, Pros­ti­tu­tion und Haft­stra­fen, aber auch von ei­ner tie­fen Re­li­gio­si­tät, die 1911 in ih­rer Kon­ver­sion zum Ka­tho­li­zis­mus gip­fel­te.

Hugo Ball wech­sel­te nach ab­ge­bro­che­ner Dis­ser­ta­tion zum The­a­ter und ge­lang­te 1912 an die Münch­ner Kam­mer­spie­le. Dort – in der Künst­ler­knei­pe Simpl – be­geg­ne­ten sich bei­de zum ers­ten Mal.

Ab 1915, nach Hennings’ Ent­las­sung aus dem Ge­fäng­nis – sie war we­gen Bei­schlaf­dieb­stahls ver­ur­teilt wor­den –, leb­ten die bei­den zu­sam­men. Es folg­ten Sta­tio­nen in Ber­lin und Zü­rich, die Dada-Jah­re, Balls En­ga­ge­ment für die „Freie Zei­tung“ in Bern und nach ih­rer Hoch­zeit 1920 ein ge­schei­ter­ter Ver­such, nach Deutsch­land zu­rück­zu­keh­ren. 1920 zo­gen sie ins Tes­sin.

Reetz zeigt, wie Balls in­tel­lek­tu­el­le Ent­wick­lung von Nietz­sche über den Pa­zi­fis­mus und Dada zu Ba­ku­nin und schließ­lich zu ei­nem mys­tisch ge­präg­ten Ka­tho­li­zis­mus führ­te. 1922 kehr­te Ball zur ka­tho­li­schen Kir­che zu­rück und ver­band in sei­nem Den­ken anar­chis­ti­sche mit re­li­giö­sen Ideen.

Reetz widerlegt das Kli­schee vom har­mo­ni­schen Künst­ler­paar: Zwar ver­band Ball und Hen­nings eine tie­fe geis­ti­ge und spi­ri­tu­el­le Nähe, doch ar­bei­te­ten sie meist ge­trennt. Ihr Le­ben war ge­prägt von fi­nan­zi­el­ler Not, ge­schei­ter­ten Pro­jek­ten, Bet­tel­brie­fen und Krank­hei­ten. Der li­te­ra­ri­sche Ruhm, den sie post­hum er­lang­ten, blieb ih­nen zu Leb­zei­ten ver­sagt. Be­son­ders Her­mann Hes­se wur­de in den 1920er-Jah­ren zu ei­nem wich­ti­gen Freund und För­de­rer; er un­ter­stütz­te das Paar auch ma­te­ri­ell. Reetz hat den um­fang­rei­chen Brief­wech­sel zwi­schen Hes­se und dem Paar 2003 he­raus­ge­ge­ben.

Ihre Studie, ba­sie­rend auf jah­re­lan­gen Re­cher­chen und ihrer 2001 er­schie­ne­nen Bio­gra­fie über Emmy Ball-Hen­nings, zeich­net ein aus­ge­wo­ge­nes Por­trät bei­der Per­sön­lich­kei­ten – Ball er­scheint hier nicht als do­mi­nie­ren­de Fi­gur, son­dern gleich­be­rech­tigt ne­ben Hen­nings. Die He­raus­for­de­rung die­ser Paar­bio­gra­fie liegt in der li­te­ra­risch ver­frem­de­ten Quel­len­la­ge. So­wohl Ball als auch Hen­nings ha­ben sich fik­tio­na­li­siert zu ih­ren Bio­gra­fien geäußert. Reetz be­geg­net die­sem Pro­blem, in­dem sie zahl­rei­che ex­ter­ne Do­ku­men­te wie die Ta­ge­bü­cher Erich Müh­sams he­ran­zieht. Ein Man­gel bleibt je­doch das Per­so­nen­re­gis­ter, das kei­ne Sei­ten­ver­wei­se ent­hält und so die Ori­en­tie­rung er­schwert.


Biographisches

Lyrik: Hugo Ball

30. Dezember 2025

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