Iris Murdoch:
Das italienische Mädchen.
Aus dem Englischen von Stefanie Schaffer-de Vries.
Franz Deuticke 1997, 189 Seiten, ISBN 3-216-30324-1
„Das italienische Mädchen“ ist einer von Iris Murdochs dunkleren und kompakteren Romanen und bietet eine eskalierende Erkundung von familiärer Dysfunktion, Schuld, Begehren und Erlösung. Der Roman verbindet die Atmosphäre eines Kammerspiels mit psychologischem Realismus und schafft eine spannungsgeladene Erzählung, in der verborgene Geheimnisse nach einer Familienbeerdigung ans Licht kommen.
Die Geschichte folgt Edmund Narraway, einem einzelgängerischen Graveur, der nach dem Tod seiner dominanten Mutter Lydia in sein Elternhaus in Nordengland zurückkehrt. Nachdem er jahrelang Abstand zu seiner Familie gehalten hat, glaubt er, sich von seiner Vergangenheit befreit zu haben, und erwartet nur einen kurzen Besuch. Stattdessen verstrickt er sich in ein Netz emotionaler und sexueller Verwicklungen, an dem sein alkoholkranker Bruder Otto, dessen Frau Isabel, ihre Tochter Flora und weitere verstörte Hausbewohner beteiligt sind. Im Mittelpunkt dieses häuslichen Labyrinths steht jedoch das geheimnisvolle „italienische Mädchen“ des Titels, Maggie, eine Hausangestellte, deren Bedeutung sich im Laufe des Romans erst allmählich enthüllt.
Was als Beerdigungsbesuch beginnt, entwickelt sich zu einer Auseinandersetzung mit familiären Konflikten der Vergangenheit. Lange unterdrückte Ressentiments, unerlaubte Beziehungen und verborgene Loyalitäten treten zutage und zwingen Edmund dazu, sowohl seine Familie als auch sich selbst neu zu bewerten. Der Roman wurde 1967 von Iris Murdoch gemeinsam mit James Saunders für die Bühne adaptiert.
Der Text hat auf subtile Weise einen Sog entwickelt, dem ich mich gerne hingegeben habe.
Iris Murdoch (1919–1999) zählt zu den bedeutendsten britischen Schriftstellerinnen und Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Bevor sie Romanautorin wurde, lehrte Murdoch Philosophie in Oxford und beschäftigte sich intensiv mit Platon, Existentialismus und Moralphilosophie. Diese Hintergründe durchziehen ihr gesamtes Werk: Zentrale Themen sind Liebe, Macht, Moral, das Gute und die Schwierigkeit, sich selbst und andere klar zu sehen, jenseits von Egoismus und Selbsttäuschung. Iris Murdoch litt in den letzten Lebensjahren an Alzheimer. John Bayley, mit dem sie 45 Jahre verheiratet war, beschreibt ihre gemeinsamen Jahre in seinem sehr lesenswerten Erinnerungsbuch „Elegie für Iris“ (C.H. Beck 2000).
22. Juni 2026