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Quim Monzo 100 Geschichten Quim Monzó
Hundert Geschichten
Aus dem Ka­ta­la­ni­schen von Mo­ni­ka Lüb­cke
Frankfurter Ver­lags­an­stalt 2007, 787 Seiten
ISBN 978-3-627-00146-9

Exakt 100 Geschich­ten auf 787 Sei­ten, das sind knapp 8 Sei­ten pro Ge­schich­te. Die meis­ten die­ser Ge­schich­ten sind so­gar noch kür­zer, um­fas­sen 2, 4 oder 5 Sei­ten. Es sind Stu­dien in Ver­blüf­fung und dem We­cken von Er­war­tun­gen, die nicht er­füllt wer­den. Der Pro­phet, der ver­ges­sen hat, was er pro­phe­zei­en soll; das Ehe­paar, das sich ver­spricht, im­mer die Wahr­heit zu sa­gen und sich des­halb schon ei­nen Tag spä­ter wie­der trennt; ein Mann, der beim Ver­las­sen sei­ner Die­le sie im­mer wie­der aufs neue be­tritt und ver­zwei­felt da­rü­ber sinnt, wie er die­sem Teu­fels­kreis ent­rin­nen kann; der Jun­ge, der im Streit von sei­nem Freund als Hu­ren­sohn be­zeich­net wird und dem Wahr­heits­ge­halt die­ser Aus­sa­ge so kon­se­quent folgt, dass da­rü­ber die Fa­mi­lie aus­ein­an­der bricht; der Zöll­ner, der nach Be­en­di­gung sei­ner Aus­bil­dung den ers­ten Pas­sa­gier zu kon­trol­lie­ren hat, der ge­ra­de­zu kli­schee­haft alle Kri­te­rien er­füllt, die den Ver­dacht auf Schmug­gel­wa­re auf ihn zie­hen, und der über sei­ne Grü­be­leien, wie er das in­ter­pre­tie­ren soll, völ­lig außer­stan­de ge­rät, sich kon­kret zu ver­hal­ten; der Mann, der bei ei­nem Be­kann­ten ein Ge­mäl­de an der Wand hän­gen sieht, das den Be­kann­ten dar­stellt und der da­rauf­hin, um sich von al­len an­de­ren ab­zu­gren­zen, be­schließt, ei­ne Büs­te von sich an­fer­ti­gen zu las­sen, die nach ih­rer Fer­tig­stel­lung voll­en­det wird, in­dem er selbst ope­ra­tiv dem Aus­se­hen der Büs­te an­ge­passt wird. Usw. usf.

Die Strukturen dieser Ge­schich­ten glei­chen häu­fig geo­me­tri­schen Fi­gu­ren: Krei­sen, El­lip­sen, Para­beln. Über­ra­schen­de Brü­che in den Hand­lungs­strän­gen kon­tras­tie­ren mit ra­di­kal kon­se­quen­tem Han­deln und Den­ken bis in den Ab­grund, in dem die Ge­schich­ten nicht sel­ten en­den. Sie sind bi­zarr, ma­ka­ber, phan­tas­tisch, ab­surd bis zum Ex­zess. Traum und Alp­traum sind eins ge­wor­den in die­sen Hy­per­rea­li­tä­ten, Li­te­ra­tur auf Acid.

Das Werk des viel­sei­ti­gen ka­ta­la­ni­schen Au­tors [1] ist mehr­fach mit Li­te­ra­tur­prei­sen aus­ge­zeich­net wor­den. Hun­dert Ge­schich­ten ent­hält alle bis da­hin er­schie­ne­nen Er­zäh­lun­gen.

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1. Quim Monzó, *1952, lebt in Bar­ce­lo­na und schreibt auf Kata­la­nisch.

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31. August 2020

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