Katharina Karcher:
Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968.
Aus dem Englischen von Gerhild Ahnert und Annemarie Künzl-Snodgrass.
Assoziation A 2018, 240 Seiten, ISBN 978-3-86241-464-2
Katharina Karchers Studie „Sisters in Arms“ befasst sich mit einem in der Forschung bislang vernachlässigten Thema: der feministischen Militanz in der Bundesrepublik Deutschland. Der Begriff „Militanz“ wird in der deutschen Feminismusforschung selten als analytische Kategorie verwendet, da er stark mit gewalttätigen Protesttaktiken der radikalen Linken assoziiert wird. Karcher kritisiert, dass Historikerinnen und Historiker eine Erzählung von „gutem“ Feminismus versus „schlechter“ Militanz konstruiert haben, die auf einem eingeschränkten Verständnis beider Begriffe beruht.
Die Autorin untersucht das komplexe Zusammenspiel verschiedener Protesttaktiken – von konventionell bis ungesetzlich, von friedlich bis gewalttätig – in feministischen Kampagnen. Ihre zentrale These lautet, dass konfrontative oder gewalttätige Methoden für die Frauenbewegung bisher zu wenig Beachtung gefunden haben. Sie definiert feministische Militanz „als historisch und politisch spezifische Ideen und Praktiken [...], die das Ziel verfolgen, sexistische Unterdrückung zu überwinden und grundsätzlich davon ausgehen, dass dieses Ziel nur mit einer konfrontativen Grundhaltung erreicht werden kann.“ S. 207
Die Studie stützt sich auf Archivquellen, autobiografische Berichte und Interviewdaten. Sie ist in fünf Kapitel gegliedert und behandelt Themen wie die neue Frauenbewegung in Westdeutschland, Terrorismus und Feminismus, feministische Reaktionen auf das Abtreibungsverbot sowie Gewalt gegen Frauen und transnationale Solidarität. Karcher zeichnet die Studentenbewegung und die sich daraus entwickelnde Neue Frauenbewegung nach und konstatiert eine Radikalisierung durch die Erschießung Benno Ohnesorgs (am 2. Juni 1967) und den Angriff auf Rudi Dutschke (11. April 1968) sowie durch Zusammenstöße mit der Polizei.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Analyse der Roten Zora, einer militanten feministischen Gruppe(*). Im Gegensatz zu den Frauen in der Roten Armee Fraktion (RAF) und der Bewegung 2. Juni, zeigten die Frauen in den Revolutionären Zellen (RZ) ein aktives Interesse an Themen der neuen Frauenbewegung. Die Rote Zora entstand als Reaktion auf mangelnde Unterstützung radikaler feministischer Positionen innerhalb der RZ und arbeitete zunächst als Teil dieses Netzwerks, spaltete sich jedoch 1984 zu einer unabhängigen Frauen-Guerillagruppe ab.
Die Studie dokumentiert zahlreiche Protestaktionen und Anschläge: die Bewegung gegen Paragraph 218 des Strafgesetzbuches, konkrete Aktionen gegen das Abtreibungsverbot, den Kampf gegen häusliche Gewalt und Vergewaltigung, Walpurgisnachtdemos sowie Angriffe gegen Pornografie und Sexismus in den Medien. Der erste Anschlag mit feministischer Begründung erfolgte am 5. März 1975 gegen das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe und richtete sich gegen dessen Rechtsprechung zum Abtreibungsverbot. Zwischen 1977 und 1988 übernahm die Rote Zora die Verantwortung für 45 Brand- und Bombenanschläge. Die Reaktion innerhalb der feministischen Szene war überwiegend negativ, die Autorin stellt die verschiedenen Positionen dazu vor.
Karcher untersucht auch internationale Solidaritätskampagnen, etwa mit Sexarbeiterinnen und für Textilarbeiterinnen in Korea, sowie – damit verbunden – militante Aktionen gegen den Textilkonzern Adler.
Ein Ergebnis der Studie ist, dass feministische Proteste ein komplexes Zusammenspiel friedlicher, konfrontativer und gewalttätiger Taktiken darstellten. Karcher weist darauf hin, dass Frauen in militanten Organisationen häufig entweder als passiv im Verhältnis zu Männern oder als hysterisch und irrational dargestellt wurden. Die Autorin fordert neue konzeptionelle Instrumente zur Dokumentation und Analyse dieser Debatten und verweist auf die britische Frauenwahlrechtsbewegung als Beispiel dafür, dass man Aktivitäten militanter feministischer Gruppen als Teil der vielfältigen Geschichte feministischer Bewegungen betrachten kann, ohne deren politischen Zielen oder Taktiken zustimmen zu müssen.
„Sisters in Arms“ ist die erste umfassende Studie zum militanten westdeutschen Feminismus seit 1968. Dieses Thema wurde bisher von der Zeitgeschichtsforschung weitgehend ignoriert, nicht zuletzt wegen der schwierigen Quellenlage und der Stigmatisierung dieser Aktionen als „terroristisch“.
„Sisters in Arms“ basiert auf der Doktorarbeit Karchers und wurde anschließend von ihr zur Publikation überarbeitet und für die deutsche Ausgabe erweitert.
* Es gab weitere militante Frauengruppen, die aber nur beiläufig Erwähnung finden.
9. Februar 2026