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Franz Jung (1888–1963), in bescheidenen katholischen Verhältnissen in Oberschlesien aufgewachsen, entfloh früh dem provinziellen Elternhaus. Als Student der Kunst und Volkswirtschaft fand er Anschluss an avantgardistische Kreise und arbeitete zugleich als Wirtschaftsjournalist. Sein Leben war geprägt von einem ungewöhnlichen Doppeltalent als erfolgreicher Schriftsteller der expressionistischen Generation und als kompetenter Finanzexperte, der die unterschiedlichsten wirtschaftlichen Projekte organisierte. Mit der Unterstützung Max Herrmann-Neißes knüpfte er Kontakte in die literarische Szene und begann für Franz Pfemferts „Aktion“ zu schreiben. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig, floh jedoch später vor dem Grauen des Krieges und desertierte. Jung mischte aktiv in den kulturellen und politischen Umbrüchen der 1910er und 1920er Jahre mit – von der Münchner Bohème, wo er im Kreis um Erich Mühsam und Gustav Landauer auch den anarchistischen Psychoanalytiker Otto Gross kennenlernte, für den er Jahre später eine Kampagne zu seiner Freilassung organisieren würde, über die Berliner Dada-Szene bis hin zur Novemberrevolution. Über den Spartakusbund und die KPD gelangte er zur KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands), in deren Auftrag er 1921 an der Organisation des März-Aufstands in Mitteldeutschland beteiligt war. Auf eigene Initiative entführte er 1920 ein Schiff nach Russland, um die Anerkennung der KAPD durch die Komintern zu erzwingen. In der frühen Sowjetunion baute er Fabriken auf, floh aber vor der Parteibürokratie zurück nach Deutschland. Hier arbeitete er in der Theaterszene und als Börsenmakler, der Kredite in die UdSSR vermittelte. Jungs Leben war geprägt von Flucht, Haftbefehlen und falschen Identitäten. 1933 erlebte er Hitlers Machtübernahme als Außenseiter im politischen Spektrum und schloss sich der Widerstandsgruppe „Rote Kämpfer“ an. Deren Enttarnung 1936 führte zu seiner Verhaftung und Internierung. Später lebte er im Exil in Ungarn und war in Italien interniert. „Der Weg nach unten“ schildert diese Stationen nicht als stimmige Lebensgeschichte, sondern als Reihe eindringlicher Episoden mit schonungsloser Offenheit. Privates taucht nur am Rande auf (ergänzend sei dazu „Cläre Jung: Paradiesvögel. Erinnerungen.“ empfohlen. Erschienen bei Edition Nautilus und erstaunlicherweise immer noch über den Sortimentsbuchhandel oder den Verlag zu beziehen.). Jungs Bericht bietet ungewöhnliche und eigenwillige Einblicke in die Umbruchzeiten des 20. Jahrhunderts: die Novemberrevolution, die frühe Sowjetunion, die Berliner Bohème und die Stimmung des Jahres 1933. Die Jahre nach 1945 kommen leider viel zu kurz. „Der Weg nach unten“ ist keine Autobiografie, sondern Anklage und Lamento zugleich. Gegen sich selbst, gegen die Organisationen, in denen er aktiv war, und vor allem gegen deren Funktionäre. Gegen die Arbeiter, denen der Inhalt der Lohntüte wichtiger ist als die Revolution, gegen Freunde und Mitstreiter, von denen er sich verraten und im Stich gelassen fühlt. Als „das große Erlebnis meines Lebens“ beschreibt Jung eine 1.-Mai-Feier in Murmansk, die unter widrigsten Bedingungen und in ärmlichsten Verhältnissen stattfand: „Diese Masse hat dann angefangen zu singen. Sie sangen die Internationale, das Lied von der Roten Fahne und noch viele andere Lieder. Zwischendurch hielten die einzelnen Kommissare kurze Ansprachen, zum nächsten Lied überleitend. Stunden mögen so dahingegangen sein. Es ist das große Erlebnis meines Lebens geworden. Das war es, was ich gesucht habe und wozu ich seit Kindheit ausgezogen bin: die Heimat, die Menschenheimat. Immer, wenn ich in den Jahren nachher mich vor die Niedertracht der Menschen gestellt sah, die abgrundtiefe Bosheit, Treulosigkeit und Verrat im Charakter des Menschen, auch der russischen Menschen, brauchte ich nur diesen 1. Mai in Murmansk ins Gedächtnis zurückzurufen, um mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.“ S. 142 Nach all dem Lamento über die Schlechtigkeit der Welt zieht Jung dann das erstaunliche Resümee: „Ich beklage mich nicht. Nichts hat sich ereignet, was ich nicht selbst hervorgerufen habe.“ S. 401 „Der Weg nach unten“ erschien zunächst 1961 bei Luchterhand, die Reaktion war verhalten. Mit dem Aufkommen der Studentenbewegung wuchs auch das Interesse an dem unorthodoxen Autor, Luchterhand veröffentlichte das Buch erneut, diesmal unter dem Titel „Der Torpedokäfer“ und als Taschenbuch. Seit der vorbildlichen Edition der Werke Franz Jungs durch die Edition Nautilus erscheint „Der Weg nach unten“ nun ebenfalls dort. 29. November 2025 |
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