Kassiber Franz Jung
Autoren Glossen Lyrik

Franz Jung Torpedokäfer Franz Jung:
Der Weg nach un­ten. Auf­zeich­nun­gen aus ei­ner gro­ßen Zeit.
Edition Nautilus 1985, 441 Sei­ten, ISBN 3-921523-79-6

Franz Jung (1888–1963), in be­schei­de­nen ka­tho­li­schen Ver­hält­nis­sen in Ober­schle­sien auf­ge­wach­sen, ent­floh früh dem pro­vin­ziel­len El­tern­haus. Als Stu­dent der Kunst und Volks­wirt­schaft fand er An­schluss an avant­gar­dis­ti­sche Krei­se und ar­bei­te­te zu­gleich als Wirt­schafts­jour­na­list. Sein Le­ben war ge­prägt von ei­nem un­ge­wöhn­li­chen Dop­pel­ta­lent als er­folg­rei­cher Schrift­stel­ler der ex­pres­sio­nis­ti­schen Ge­ne­ra­tion und als kom­pe­ten­ter Fi­nanz­ex­per­te, der die un­ter­schied­lichs­ten wirt­schaft­li­chen Pro­jek­te or­ga­ni­sier­te.

Mit der Un­ter­stüt­zung Max Herr­mann-Nei­ßes knüpf­te er Kon­tak­te in die li­te­ra­ri­sche Sze­ne und be­gann für Franz Pfem­ferts „Ak­ti­on“ zu schrei­ben. Zu Be­ginn des Ers­ten Welt­kriegs mel­de­te er sich frei­wil­lig, floh je­doch spä­ter vor dem Grau­en des Krie­ges und de­ser­tier­te.

Jung mischte ak­tiv in den kul­tu­rel­len und po­li­ti­schen Um­brü­chen der 1910er und 1920er Jah­re mit – von der Münch­ner Bo­hème, wo er im Kreis um Erich Müh­sam und Gus­tav Lan­dau­er auch den anar­chis­ti­schen Psy­cho­a­na­ly­ti­ker Otto Gross ken­nen­lern­te, für den er Jah­re später eine Kam­pag­ne zu sei­ner Frei­las­sung or­ga­ni­sie­ren wür­de, über die Ber­li­ner Dada-Sze­ne bis hin zur No­vem­ber­re­vo­lu­tion. Über den Spar­ta­kus­bund und die KPD ge­lang­te er zur KAPD (Kom­mu­nis­ti­sche Ar­bei­ter­par­tei Deutsch­lands), in de­ren Auf­trag er 1921 an der Or­ga­ni­sa­tion des März-Auf­stands in Mit­tel­deutsch­land be­tei­ligt war. Auf ei­ge­ne Ini­tia­ti­ve ent­führ­te er 1920 ein Schiff nach Russ­land, um die An­er­ken­nung der KAPD durch die Kom­in­tern zu er­zwin­gen. In der frü­hen Sow­jet­u­ni­on bau­te er Fa­bri­ken auf, floh aber vor der Par­tei­bü­ro­kra­tie zu­rück nach Deutsch­land. Hier ar­bei­te­te er in der The­a­ter­sze­ne und als Bör­sen­mak­ler, der Kre­di­te in die UdSSR ver­mit­tel­te.

Jungs Leben war ge­prägt von Flucht, Haft­be­feh­len und fal­schen Iden­ti­tä­ten. 1933 er­leb­te er Hit­lers Macht­über­nah­me als Au­ßen­sei­ter im po­li­ti­schen Spek­trum und schloss sich der Wi­der­stands­grup­pe „Rote Kämp­fer“ an. De­ren Ent­tar­nung 1936 führ­te zu sei­ner Ver­haf­tung und In­ter­nie­rung. Später leb­te er im Exil in Un­garn und war in Ita­lien in­ter­niert.

„Der Weg nach un­ten“ schil­dert die­se Sta­tio­nen nicht als stim­mi­ge Le­bens­ge­schich­te, son­dern als Rei­he ein­dring­li­cher Epi­so­den mit scho­nungs­lo­ser Of­fen­heit. Pri­va­tes taucht nur am Ran­de auf (er­gän­zend sei dazu „Cläre Jung: Pa­ra­dies­vö­gel. Er­in­ne­run­gen.“ emp­foh­len. Er­schie­nen bei Edi­tion Nau­ti­lus und er­staun­li­cher­wei­se im­mer noch über den Sor­ti­ments­buch­han­del oder den Ver­lag zu be­zie­hen.).

Jungs Bericht bie­tet un­ge­wöhn­li­che und ei­gen­wil­li­ge Ein­bli­cke in die Um­bruch­zei­ten des 20. Jahr­hun­derts: die No­vem­ber­re­vo­lu­tion, die frü­he Sow­jet­u­ni­on, die Ber­li­ner Bo­hème und die Stim­mung des Jah­res 1933. Die Jah­re nach 1945 kom­men lei­der viel zu kurz.

„Der Weg nach un­ten“ ist kei­ne Au­to­bio­gra­fie, son­dern An­kla­ge und La­men­to zu­gleich. Ge­gen sich selbst, ge­gen die Or­ga­ni­sa­tio­nen, in de­nen er ak­tiv war, und vor al­lem ge­gen de­ren Funk­tio­nä­re. Ge­gen die Ar­bei­ter, de­nen der In­halt der Lohn­tü­te wich­ti­ger ist als die Re­vo­lu­tion, ge­gen Freun­de und Mit­strei­ter, von de­nen er sich ver­ra­ten und im Stich ge­las­sen fühlt.

Als „das große Er­leb­nis mei­nes Le­bens“ be­schreibt Jung eine 1.-Mai-Fei­er in Mur­mansk, die un­ter wi­drigs­ten Be­din­gun­gen und in ärm­lichs­ten Ver­hält­nis­sen statt­fand: „Die­se Mas­se hat dann an­ge­fan­gen zu sin­gen. Sie san­gen die In­ter­na­tio­na­le, das Lied von der Ro­ten Fah­ne und noch vie­le an­de­re Lie­der. Zwi­schen­durch hiel­ten die ein­zel­nen Kom­mis­sa­re kur­ze An­spra­chen, zum nächs­ten Lied über­lei­tend. Stun­den mö­gen so da­hin­ge­gan­gen sein.

Es ist das gro­ße Er­leb­nis mei­nes Le­bens ge­wor­den. Das war es, was ich ge­sucht habe und wozu ich seit Kind­heit aus­ge­zo­gen bin: die Hei­mat, die Men­schen­hei­mat. Im­mer, wenn ich in den Jah­ren nach­her mich vor die Nie­der­tracht der Men­schen ge­stellt sah, die ab­grund­tie­fe Bos­heit, Treu­lo­sig­keit und Ver­rat im Cha­rak­ter des Men­schen, auch der rus­si­schen Men­schen, brauch­te ich nur die­sen 1. Mai in Mur­mansk ins Ge­dächt­nis zu­rück­zu­ru­fen, um mein in­ne­res Gleich­ge­wicht wie­der­zu­fin­den.“ S. 142

Nach all dem La­men­to über die Schlech­tig­keit der Welt zieht Jung dann das er­staun­li­che Re­sü­mee: „Ich be­kla­ge mich nicht. Nichts hat sich er­eig­net, was ich nicht selbst her­vor­ge­ru­fen habe.“ S. 401

„Der Weg nach un­ten“ er­schien zu­nächst 1961 bei Luch­ter­hand, die Reak­tion war ver­hal­ten. Mit dem Auf­kom­men der Stu­den­ten­be­we­gung wuchs auch das In­te­res­se an dem un­or­tho­do­xen Au­tor, Luch­ter­hand ver­öf­fent­lich­te das Buch er­neut, dies­mal un­ter dem Ti­tel „Der Tor­pe­do­kä­fer“ und als Ta­schen­buch. Seit der vor­bild­li­chen Edi­tion der Wer­ke Franz Jungs durch die Edi­tion Nau­ti­lus er­scheint „Der Weg nach un­ten“ nun eben­falls dort.


Biographisches

Geschichte

29. November 2025

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