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Autoren Glossen Lyrik

Gerhard Jäger Der Schnee das Feuer die Schuld und der Tod Gerhard Jäger:
Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod. Roman.
Karl Blessing Verlag 2016, 400 Sei­ten, ISBN 9783896675712

Im Jahr 2006 reist der 80-jäh­ri­ge Wit­wer John Mil­ler aus den USA nach Ös­ter­reich, um ei­nem lang ge­hü­te­ten Fa­mi­lien­ge­heim­nis auf den Grund zu ge­hen: dem Schick­sal sei­nes Cou­sins Max Schrei­ber. Da­mals for­der­te eine ver­hee­ren­de Schnee­ka­tas­tro­phe in den Al­pen 265 To­des­op­fer, seit­dem gilt Max als ver­schwun­den und wird als Mör­der ge­sucht. Das Ein­zi­ge, was von ihm blieb, war ein Ma­nu­skript, das nach der Ka­tas­tro­phe in sei­nem Zim­mer in einem ört­li­chen Gast­haus ge­fun­den und seit­her im Lan­des­ar­chiv Inns­bruck auf­be­wahrt wird. Im Zuge sei­ner Nach­for­schun­gen stößt John Mil­ler auf die­ses Do­ku­ment.

Das Manuskript – teils in Form eines Ta­ge­buchs, teils als li­te­ra­ri­scher Text – führt zu­rück ins Jahr 1950. Da­mals kam der jun­ge His­to­ri­ker Max Schrei­ber in ein ab­ge­le­ge­nes Al­pen­dorf, um ei­ner al­ten Zei­tungs­no­tiz nach­zu­ge­hen: Fast ein Jahr­hun­dert zu­vor war dort eine Frau, Ka­tha­ri­na Schwarz­mann, un­ter un­ge­klär­ten Um­stän­den in ih­rem Haus ver­brannt. Ihr Ruf war zwei­fel­haft, man ver­däch­tig­te sie, an­de­ren Dorf­be­woh­nern ge­scha­det zu ha­ben. Die Fra­ge, die Schrei­ber um­treibt: Wur­de ihr be­wusst keine Hil­fe ge­leis­tet, weil man sie für eine Hexe hielt?

Schreiber be­tritt eine ihm frem­de Welt, in der man ihm mit Arg­wohn und Zu­rück­hal­tung be­geg­net. Dort trifft er auf die stum­me Ma­ria, die sein In­te­res­se und eine wach­sen­de Zu­nei­gung weckt und in eine Ri­va­li­tät mit ei­nem Bau­ern des Dor­fes ge­ra­ten lässt. Am Ende wird sie tot sein. Mit ei­nem Mes­ser er­sto­chen. Von Max Schrei­ber?

Jägers Ro­man ent­wi­ckelt zwei pa­ral­le­le Hand­lungs­strän­ge: Zum ei­nen be­glei­ten wir Max Schrei­bers Be­mü­hun­gen, sich in die Dorf­ge­mein­schaft zu in­te­grie­ren – ein Pro­zess, der nach an­fäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten zu ge­lin­gen scheint, sich je­doch all­mäh­lich in zu­neh­men­de Iso­la­tion und in­ne­re Ver­ein­sa­mung ver­wan­delt. Zum an­de­ren folgt der Ro­man John Mil­lers Spu­ren­su­che in der Ge­gen­wart, wo­bei auch sei­ne ei­ge­ne Le­bens­ge­schich­te in den Blick rückt. Zwi­schen bei­den Fi­gu­ren ent­ste­hen da­bei deut­li­che Pa­ral­le­len. Eben­so zwi­schen Ka­tha­ri­na Schwarz­mann und Ma­ria.

Zu den ein­drucks­volls­ten Mo­men­ten des Ro­mans zäh­len die sich be­droh­lich über dem Dorf auf­tür­men­den Schnee­mas­sen(*), so­wie eine Sze­ne, in der Schrei­ber – die La­wi­nen­ka­tas­tro­phe ist auf dem Höhepunkt und die Dorf­ge­mein­schaft hat sich in der Kir­che ver­sam­­melt – wäh­rend ei­nes ver­zwei­fel­ten Ge­bets an die Mut­ter Got­tes eine na­he­zu mys­ti­sche Er­fah­rung er­lebt: die bei­den Ma­rias ver­schmel­zen zu ei­ner Ge­stalt, in der sich Hoff­nung und Ver­zweif­lung be­geg­nen.

Die Welt in Jä­gers Ro­man ist eine der un­ver­ein­ba­ren Ge­gen­sät­ze und der Ver­drän­gung. Schrei­bers Nach­for­schun­gen und die Lie­be zu Ma­ria ge­fähr­den die­se fra­gi­le Struk­tur und lö­sen eine Ka­ta­stro­phe aus, die al­les un­ter sich be­gräbt. Und am Ende wird die Fra­ge nach Schuld und Ver­ant­wor­tung ganz neu ge­stellt wer­den müs­sen.

Der Schnee, das Feu­er, die Schuld und der Tod ist der ers­te von nur zwei Ro­ma­nen des ös­ter­rei­chi­schen Au­tors Ger­hard Jä­ger (1966–2018), der – 52­jäh­rig – an den Fol­gen ei­ner Hirn­blu­tung starb.


* „Und oben in den Ber­gen, auf den lee­ren Al­men, auf den Glet­schern, auf dem Ge­röll und Ge­stein, auf den Hän­gen und auf den Wäl­dern sammelt sich der Schnee. Lei­se, aber un­auf­halt­sam baut der Win­ter an sei­ner Vor­herr­schaft, Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter, Me­ter für Me­ter, das Dorf und das Tal im Blick.“ S. 277


6. August 2025

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