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Im Jahr 2006 reist der 80-jährige Witwer John Miller aus den USA nach Österreich, um einem lang gehüteten Familiengeheimnis auf den Grund zu gehen: dem Schicksal seines Cousins Max Schreiber. Damals forderte eine verheerende Schneekatastrophe in den Alpen 265 Todesopfer, seitdem gilt Max als verschwunden und wird als Mörder gesucht. Das Einzige, was von ihm blieb, war ein Manuskript, das nach der Katastrophe in seinem Zimmer in einem örtlichen Gasthaus gefunden und seither im Landesarchiv Innsbruck aufbewahrt wird. Im Zuge seiner Nachforschungen stößt John Miller auf dieses Dokument. Das Manuskript – teils in Form eines Tagebuchs, teils als literarischer Text – führt zurück ins Jahr 1950. Damals kam der junge Historiker Max Schreiber in ein abgelegenes Alpendorf, um einer alten Zeitungsnotiz nachzugehen: Fast ein Jahrhundert zuvor war dort eine Frau, Katharina Schwarzmann, unter ungeklärten Umständen in ihrem Haus verbrannt. Ihr Ruf war zweifelhaft, man verdächtigte sie, anderen Dorfbewohnern geschadet zu haben. Die Frage, die Schreiber umtreibt: Wurde ihr bewusst keine Hilfe geleistet, weil man sie für eine Hexe hielt? Schreiber betritt eine ihm fremde Welt, in der man ihm mit Argwohn und Zurückhaltung begegnet. Dort trifft er auf die stumme Maria, die sein Interesse und eine wachsende Zuneigung weckt und in eine Rivalität mit einem Bauern des Dorfes geraten lässt. Am Ende wird sie tot sein. Mit einem Messer erstochen. Von Max Schreiber? Jägers Roman entwickelt zwei parallele Handlungsstränge: Zum einen begleiten wir Max Schreibers Bemühungen, sich in die Dorfgemeinschaft zu integrieren – ein Prozess, der nach anfänglichen Schwierigkeiten zu gelingen scheint, sich jedoch allmählich in zunehmende Isolation und innere Vereinsamung verwandelt. Zum anderen folgt der Roman John Millers Spurensuche in der Gegenwart, wobei auch seine eigene Lebensgeschichte in den Blick rückt. Zwischen beiden Figuren entstehen dabei deutliche Parallelen. Ebenso zwischen Katharina Schwarzmann und Maria. Zu den eindrucksvollsten Momenten des Romans zählen die sich bedrohlich über dem Dorf auftürmenden Schneemassen(*), sowie eine Szene, in der Schreiber – die Lawinenkatastrophe ist auf dem Höhepunkt und die Dorfgemeinschaft hat sich in der Kirche versammelt – während eines verzweifelten Gebets an die Mutter Gottes eine nahezu mystische Erfahrung erlebt: die beiden Marias verschmelzen zu einer Gestalt, in der sich Hoffnung und Verzweiflung begegnen. Die Welt in Jägers Roman ist eine der unvereinbaren Gegensätze und der Verdrängung. Schreibers Nachforschungen und die Liebe zu Maria gefährden diese fragile Struktur und lösen eine Katastrophe aus, die alles unter sich begräbt. Und am Ende wird die Frage nach Schuld und Verantwortung ganz neu gestellt werden müssen. Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod ist der erste von nur zwei Romanen des österreichischen Autors Gerhard Jäger (1966–2018), der – 52jährig – an den Folgen einer Hirnblutung starb. * „Und oben in den Bergen, auf den leeren Almen, auf den Gletschern, auf dem Geröll und Gestein, auf den Hängen und auf den Wäldern sammelt sich der Schnee. Leise, aber unaufhaltsam baut der Winter an seiner Vorherrschaft, Zentimeter für Zentimeter, Meter für Meter, das Dorf und das Tal im Blick.“ S. 277 6. August 2025 |
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