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Gustaw Herling Welt ohne Erbarmen Gustaw Herling;
Welt ohne Erbarmen.
Aus dem Eng­li­schen von Hans­jür­gen Wil­le und nach der pol­ni­schen Ori­gi­nal­aus­ga­be voll­stän­dig re­vi­diert von Nina Koz­lows­ki.
Büchergilde Gutenberg 2001, 337 Sei­ten, ISBN 3 7632 5173 1

Mit „Welt ohne Er­bar­men“ ver­öf­fent­lich­te der pol­ni­sche Schrift­stel­ler und Jour­na­list Gus­taw Her­ling 1953 ei­nes der ers­ten Wer­ke, das die grau­sa­me Rea­li­tät der sow­je­ti­schen Straf­la­ger ei­nem west­li­chen Pu­bli­kum na­he­brach­te. Das Buch er­schien zeit­gleich in Eng­land, Frank­reich und in deut­scher Über­set­zung.

Im Zentrum steht Her­lings ei­ge­ne Lei­dens­ge­schich­te: Von 1940 bis 1942 war er für ein­ein­halb Jah­re im La­ger Jer­ce­wo in­haf­tiert. Sein „Ver­ge­hen“ be­stand da­rin, il­le­gal die sow­je­ti­sche Gren­ze über­quert zu ha­ben – in der Ab­sicht, sich in Frank­reich der pol­ni­schen Ar­mee im Kampf ge­gen Hit­ler an­zu­schlie­ßen. Doch zu die­sem Zeit­punkt war Hit­ler ein of­fi­ziel­ler Ver­bün­de­ter Sta­lins; ge­mein­sam hat­ten sie Po­len 1939 un­ter sich auf­ge­teilt.

Oft genügte psy­cho­lo­gi­scher Druck: Schlaf­ent­zug, Iso­la­tion, Blen­dung, um die Ge­fan­ge­nen vor­ge­fer­tig­te Ge­ständ­nis­se un­ter­schrei­ben zu las­sen. Nicht sel­ten be­gan­nen die Ge­fan­ge­nen selbst, an ih­re Schuld zu glau­ben. Der An­lass zu ei­ner Ver­haf­tung war meist ne­ben­säch­lich, die An­kla­gen umso mons­trö­ser: Ver­schwö­rung ge­gen die Re­gie­rung, Spio­na­ge, Sa­bo­ta­ge oder gar ge­plan­te At­ten­ta­te.

Die Arbeitslager dien­ten nicht nur der Un­ter­drü­ckung, son­dern wa­ren fes­ter Be­stand­teil der sow­je­ti­schen Wirt­schafts­struk­tur. Gro­ße In­fra­struk­tur­pro­jek­te – Ei­sen­bah­nen, Ka­nä­le, Fa­bri­ken – wur­den von Straf­ge­fan­ge­nen er­rich­tet. Die Kom­man­do­wirt­schaft brauch­te die­sen ste­ti­gen Nach­schub an Zwangs­ar­bei­tern. Mas­sen­ver­haf­tun­gen und will­kür­li­che Ur­tei­le wa­ren ein kal­ku­lier­ter Be­stand­teil des Sys­tems [1].

Nach einer Rei­he von schar­fen Ver­hö­ren im Ge­fäng­nis in Grod­no wur­de Her­ling nach Wi­tebsk ver­legt, wo er meh­re­re Mo­na­te mit Dut­zen­den Ge­fan­ge­nen un­ter er­bärm­li­chen Um­stän­den in ei­ner Zel­le zu­brin­gen muss­te. Das Ur­teil ge­gen ihn lau­te­te 5 Jah­re Haft.

Jercewo, das La­ger, in dem Her­ling schließ­lich lan­de­te, lag nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter vom gleich­na­mi­gen Ort ent­fernt. Es wur­de Ende der 1930er Jah­re er­rich­tet und fass­te zeit­wei­se bis zu 30.000 Häft­lin­ge – da­run­ter pol­ni­sche Of­fi­zie­re, jü­di­sche Zi­vi­lis­ten, ein­fa­che Bau­ern, po­li­ti­sche Häft­lin­ge und Kri­mi­nel­le. Eine Frei­las­sung war nicht ab­seh­bar, da die Stra­fen be­lie­big ver­län­gert wer­den konn­ten. Die La­ger funk­tio­nier­ten als Orte sys­te­ma­ti­scher Ent­mensch­li­chung. Ge­walt, Hun­ger, se­xu­el­le Aus­beu­tung ge­hör­ten zum All­tag. Frau­en wa­ren be­son­de­rer Bru­ta­li­tät aus­ge­setzt.

Durch Hunger und die Stra­pa­zen der schwe­ren Ar­beit nicht mehr ar­beits­fä­hi­ge Häft­lin­ge en­de­ten in der „Lei­chen­hal­le“, wo sie vor sich hin ve­ge­tier­ten bis sie ver­hun­ger­ten oder ihre ent­kräf­te­ten Kör­per ei­ner Krank­heit er­la­gen. Doch die größ­te Ge­fahr im La­ger, so er­kann­te Her­ling, war nicht Hun­ger oder Tod, son­dern „das vol­le Be­wusst­sein über die Aus­weg­lo­sig­keit der Lage“. Die Häft­lin­ge wur­den in drei Nah­rungs­klas­sen ein­ge­teilt – je nach Ar­beits­leis­tung gab es we­nig, sehr we­nig oder fast nichts zu es­sen. Be­lohnt wur­de al­ler­dings die Grup­pen­leis­tung, was dazu führ­te, dass schwä­che­re Ge­fan­ge­ne un­ter den Druck ih­rer Mit­häft­lin­ge ge­rie­ten. Die Qua­len des stän­di­gen Hun­gers, die das Ver­hält­nis der Men­schen un­ter­ei­nan­der und zu sich selbst so dra­ma­tisch ver­än­dern, be­schreibt Her­ling auf be­klem­men­de Wei­se.

Im Juni 1941, die deut­sche Wehr­macht war in die Sow­jet­u­ni­on ein­mar­schiert, wur­de eine all­ge­mei­ne Am­nes­tie für pol­ni­sche Ge­fan­ge­ne ver­kün­det. Doch es soll­te noch Mo­na­te dau­ern und ei­nes Hun­ger­streiks be­dür­fen, um Her­ling und vier wei­te­re Ge­fan­ge­ne aus dem La­ger zu ent­las­sen. Her­ling kämpf­te sich nach mo­na­te­lan­gen Um­we­gen zur pol­ni­schen Ar­mee des Ge­ne­ral An­ders und schließ­lich nach Ita­lien, wo er sich nach dem Krieg in Ne­a­pel nie­der­ließ.

Gustaw Herling (1919-2000) ver­zich­tet auf ein­deu­ti­ge Ur­tei­le über Tä­ter und Op­fer – wohl wis­send, dass mo­ra­li­sche Maß­stä­be un­ter to­ta­li­tä­rem Zwang ins Wan­ken ge­ra­ten [2]. Ge­gen Ende des Bu­ches schil­dert er die Be­geg­nung mit ei­nem ehe­ma­li­gen Mit­häft­ling, der ihn um Ver­ständ­nis bit­tet: Er habe im La­ger vier Deut­sche be­las­tet, um sein ei­ge­nes Le­ben zu ret­ten. Her­ling, der sei­ne Mensch­lich­keit nach drei Jah­ren in Frei­heit wie­der­ge­won­nen hat, ver­wei­gert die­ses Ver­ständ­nis.


1. „Entgegen der land­läu­fi­gen Mei­nung dient das gan­ze Zwangs­ar­beits­sys­tem in Ruß­land – in all sei­nen Sta­dien: Un­ter­su­chun­gen, Ver­hö­re, Ge­fäng­nis­haft und schließ­lich Ar­beits­la­ger – in ers­ter Li­nie nicht dazu, den Ver­bre­cher zu be­stra­fen, son­dern ihn wirt­schaft­lich aus­zu­beu­ten und psy­cho­lo­gisch ge­fü­gig zu ma­chen.“ S. 89

2. „Ich habe mich wie­der­holt davon über­zeugt, daß ein Mensch nur un­ter mensch­li­chen Be­din­gun­gen mensch­lich sein kann, und ich hal­te es für ein wahn­wit­zi­ges Un­ter­fan­gen, ihn nach den Ta­ten zu be­ur­tei­len, die er un­ter un­mensch­li­chen Be­din­gun­gen be­gan­gen hat... .“ S. 170


Gustaw Herling: Die Insel

Geschichte

15. August 2025

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