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Als Ulrike Heider 1988 nach New York übersiedelte, begann für die 1947 geborene Autorin ein neuer Lebensabschnitt. In ihren Rückblicken schildert sie nicht nur die eigene Entwicklung, sondern auch den Wandel der politischen und kulturellen Szenen, in denen sie sich bewegte – sowohl in Frankfurt am Main während der Jahre der „Revolte“ als auch in New York. Heiders Erinnerungen und Reflexionen sind von einer subjektiven Radikalität, die der Stimmung der Zeit entspricht, über die sie berichtet. Sie verzichtet auf Beschönigungen oder nachträgliche Rechtfertigungen – ein deutlicher Kontrast zu vielen ehemaligen Mitstreitern, die ihre Karrieren einst mit dem „Marsch durch die Institutionen“ begründeten und später die Denunziation ihrer Vergangenheit als Lernprozess verkauften. Obwohl Ulrike Heider in einem liberalen Elternhaus aufwuchs, überschattete der Schrecken des „Tausendjährigen Reiches“ auch ihre Existenz. Die Lehrer am elitären Lessing-Gymnasium waren größtenteils noch vor 1945 ausgebildet und traten den Schülern entsprechend autoritär gegenüber. Ulrike fühlte sich als Außenseiterin – erst in den Versammlungen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) fühlte sie sich unter Gleichgesinnten. Die Entwicklung von einer rein studentischen Protestbewegung hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Revolte entsprach ihrem Denken und Empfinden; sie wurde ein Teil davon. Das Kolbheim, in dem sie zunächst wohnte, die Lebensfreude und Solidarität einer Generation, die für ein freieres Leben in einer gerechteren Gesellschaft kämpfte, der Häuserkampf, Demonstrationen, die Unterstützung des vietnamesischen Volkes gegen die überlegene Militärmaschine der USA, das Leben in besetzten Häusern, die Verbindung von Politik und Privatleben, das Hinterfragen sexueller und gesellschaftlicher Rollenklischees – es sind aufregende und bewegte Zeiten. Doch schon bald zeigten sich erste Risse in der Bewegung. Die Spaltung in verschiedene kommunistische Gruppen und Parteien auf der einen Seite und in die für Frankfurt typische Spontibewegung (Revolutionärer Kampf, Rote Hilfe, Sozialistische Hochschulinitiative) sowie ungebundene Anarchisten auf der anderen führte zu erbitterten Auseinandersetzungen, die nicht selten auch gewaltsam ausgetragen wurden. Heider beschreibt die Entwicklung der Parteikommunisten, deren Annäherung an das Proletariat schließlich in einer Spießigkeit endete, die jener ihrer Eltern in nichts nachstand. Sie erlebt das Chaos und den persönlichen Terror in einem besetzten Haus, den Rückzug ursprünglich frauenbewegter Mitbewohnerinnen in eine esoterisch gefärbte „neue Weiblichkeit“ und den Aufbruch der Alphamännchen der Bewegung zu neuen Pöstchen und Positionen. Bei ihnen konstatiert sie den Verlust des Widerständigen: Aus einstigen Revolutionären werden tragende Säulen des Systems, das sie einst mit Leidenschaft bekämpften. Andere erleben ihre persönlichen Tragödien bis hin zum Suizid. Ob Heiders Umzug nach New York aus der Enttäuschung über diese Entwicklung resultierte oder eher ihrem Drang, sich mit neuen, unbekannten Verhältnissen auseinanderzusetzen, bleibt offen. Den Außenseitern ist sie auch hier verbunden. Eine Zeit lang lebt sie in prekären Verhältnissen, während sie sich journalistisch und als Buchautorin weiterhin mit freiheitsliebenden Menschen und Bewegungen beschäftigt. Ihre Affinität zu anarchistischen Positionen bleibt ungebrochen. Wobei mir die Verwendung der Begriffe Anarchismus und Sponti allzu beliebig geblieben ist. Eine schöne Pointe zum Schluss: Durch eine Erbschaft erhält Heider eine größere Geldsumme und erwägt, sich eine Wohnung zu kaufen. Zur selben Zeit steht ein neues Buch kurz vor dem Abschluss. Doch durch einen unglücklichen Zufall fliegen die Manuskriptblätter in alle Winde. Bei dem Versuch, sie einzusammeln, verliert sie ihre Handtasche – mitsamt des ererbten Geldes, mit dem sie die Wohnung kaufen wollte. Man könnte meinen, das Schicksal wolle verhindern, dass sie sich jemals etabliert. Für nachgeborene Generationen wäre ein ausführliches Glossar hilfreich gewesen, um die erwähnten Gruppen und Personen einordnen zu können. Der Text ist autobiografisch, ohne eine Autobiografie zu sein; zeithistorisch, ohne klassische Geschichtsschreibung zu leisten. In jedem Fall aber ist er lesenswert. 21. August 2025 → Ulrike Heider: Der arme Teufel. Robert Reitzel – Vom Vormärz zum Haymarket |
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