Kassiber leer
Autoren Glossen Lyrik

Ulrike Heider Keine Ruhe nach dem Sturm Ulrike Heider:
Keine Ruhe nach dem Sturm.
Rogner & Bern­hard bei Zwei­tau­send­eins 2001, 324 Sei­ten, ISBN 3-8077-0202-4

Als Ulrike Heider 1988 nach New York über­sie­del­te, be­gann für die 1947 ge­bo­re­ne Au­to­rin ein neu­er Le­bens­ab­schnitt. In ih­ren Rück­bli­cken schil­dert sie nicht nur die ei­ge­ne Ent­wick­lung, son­dern auch den Wan­del der po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Sze­nen, in de­nen sie sich be­weg­te – so­wohl in Frank­furt am Main wäh­rend der Jah­re der „Re­vol­te“ als auch in New York.

Heiders Erinnerungen und Re­fle­xio­nen sind von ei­ner sub­jek­ti­ven Ra­di­ka­li­tät, die der Stim­mung der Zeit ent­spricht, über die sie be­rich­tet. Sie ver­zich­tet auf Be­schö­ni­gun­gen oder nach­träg­li­che Recht­fer­ti­gun­gen – ein deut­li­cher Kon­trast zu vie­len ehe­ma­li­gen Mit­strei­tern, die ihre Kar­rie­ren einst mit dem „Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen“ be­grün­de­ten und später die De­nun­zia­tion ihrer Ver­gan­gen­heit als Lern­pro­zess ver­kauf­ten.

Obwohl Ulrike Heider in ei­nem li­be­ra­len El­tern­haus auf­wuchs, über­schat­te­te der Schre­cken des „Tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches“ auch ihre Exis­tenz. Die Leh­rer am eli­tä­ren Les­sing-Gym­na­sium wa­ren größ­ten­teils noch vor 1945 aus­ge­bil­det und tra­ten den Schü­lern ent­spre­chend au­to­ri­tär ge­gen­ü­ber. Ul­ri­ke fühl­te sich als Au­ßen­sei­te­rin – erst in den Ver­samm­lun­gen des So­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bun­des (SDS) fühl­te sie sich un­ter Gleich­ge­sinn­ten. Die Ent­wick­lung von ei­ner rein stu­den­ti­schen Pro­test­be­we­gung hin zu ei­ner ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Re­vol­te ent­sprach ih­rem Den­ken und Emp­fin­den; sie wur­de ein Teil da­von.

Das Kolbheim, in dem sie zu­nächst wohn­te, die Le­bens­freu­de und So­li­da­ri­tät ei­ner Ge­ne­ra­tion, die für ein frei­e­res Le­ben in ei­ner ge­rech­te­ren Ge­sell­schaft kämpf­te, der Häu­ser­kampf, De­mons­tra­tio­nen, die Un­ter­stüt­zung des viet­na­me­si­schen Vol­kes ge­gen die über­le­ge­ne Mi­li­tär­ma­schi­ne der USA, das Le­ben in be­setz­ten Häu­sern, die Ver­bin­dung von Po­li­tik und Pri­vat­le­ben, das Hin­ter­fra­gen se­xu­el­ler und ge­sell­schaft­li­cher Rol­len­kli­schees – es sind auf­re­gen­de und be­weg­te Zei­ten.

Doch schon bald zeig­ten sich ers­te Ris­se in der Be­we­gung. Die Spal­tung in ver­schie­de­ne kom­mu­nis­ti­sche Grup­pen und Par­tei­en auf der ei­nen Sei­te und in die für Frank­furt ty­pi­sche Spon­ti­be­we­gung (Re­vo­lu­tio­nä­rer Kampf, Rote Hil­fe, So­zia­lis­ti­sche Hoch­schul­i­ni­tia­ti­ve) so­wie un­ge­bun­de­ne Anar­chis­ten auf der an­de­ren führ­te zu er­bit­ter­ten Aus­ei­nan­der­set­zun­gen, die nicht sel­ten auch ge­walt­sam aus­ge­tra­gen wur­den. Hei­der be­schreibt die Ent­wick­lung der Par­tei­kom­mu­nis­ten, de­ren An­nä­he­rung an das Pro­le­ta­riat schließ­lich in ei­ner Spie­ßig­keit en­de­te, die je­ner ih­rer El­tern in nichts nach­stand.

Sie erlebt das Chaos und den per­sön­li­chen Ter­ror in ei­nem be­setz­ten Haus, den Rück­zug ur­sprüng­lich frau­en­be­weg­ter Mit­be­woh­ne­rin­nen in eine eso­te­risch ge­färb­te „neue Weib­lich­keit“ und den Auf­bruch der Al­pha­männ­chen der Be­we­gung zu neu­en Pöst­chen und Po­si­tio­nen. Bei ih­nen kon­sta­tiert sie den Ver­lust des Wi­der­stän­di­gen: Aus eins­ti­gen Re­vo­lu­tio­nä­ren wer­den tra­gen­de Säu­len des Sys­tems, das sie einst mit Lei­den­schaft be­kämpf­ten. An­de­re er­le­ben ihre per­sön­li­chen Tra­gö­dien bis hin zum Sui­zid.

Ob Heiders Umzug nach New York aus der Ent­täu­schung über die­se Ent­wick­lung re­sul­tier­te oder eher ih­rem Drang, sich mit neu­en, un­be­kann­ten Ver­hält­nis­sen aus­ei­nan­der­zu­set­zen, bleibt of­fen. Den Au­ßen­sei­tern ist sie auch hier ver­bun­den. Eine Zeit lang lebt sie in pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen, wäh­rend sie sich jour­na­lis­tisch und als Buch­au­to­rin wei­ter­hin mit frei­heits­lie­ben­den Men­schen und Be­we­gun­gen be­schäf­tigt. Ihre Af­fi­ni­tät zu anar­chis­ti­schen Po­si­tio­nen bleibt un­ge­bro­chen. Wo­bei mir die Ver­wen­dung der Be­grif­fe Anar­chis­mus und Spon­ti all­zu be­lie­big ge­blie­ben ist.

Eine schöne Poin­te zum Schluss: Durch eine Erb­schaft er­hält Hei­der eine grö­ße­re Geld­sum­me und er­wägt, sich eine Woh­nung zu kau­fen. Zur sel­ben Zeit steht ein neu­es Buch kurz vor dem Ab­schluss. Doch durch ei­nen un­glück­li­chen Zu­fall flie­gen die Ma­nu­skript­blät­ter in alle Win­de. Bei dem Ver­such, sie ein­zu­sam­meln, ver­liert sie ihre Hand­ta­sche – mit­samt des er­erb­ten Gel­des, mit dem sie die Woh­nung kau­fen woll­te. Man könn­te mei­nen, das Schick­sal wol­le ver­hin­dern, dass sie sich je­mals eta­bliert.

Für nachgeborene Ge­ne­ra­tio­nen wäre ein aus­führ­li­ches Glos­sar hilf­reich ge­we­sen, um die er­wähn­ten Grup­pen und Per­so­nen ein­ord­nen zu kön­nen. Der Text ist au­to­bio­gra­fisch, ohne eine Au­to­bio­gra­fie zu sein; zeit­his­to­risch, ohne klas­si­sche Ge­schichts­schrei­bung zu leis­ten. In je­dem Fall aber ist er le­sens­wert.

21. August 2025


Ulrike Heider: Der arme Teu­fel. Ro­bert Reit­zel – Vom Vor­märz zum Hay­mar­ket

Anarchismus

Biographisches

Gelesen : Weiteres : Impressum