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Robert Harms Das Sklavenschiff Robert Harms
Das Skla­venschiff.
Eine Reise in die Welt des Skla­venhan­dels.
Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Englisch von Michael Müller.
C. Bertelsmann Verlag 2004, 572 Sei­ten
ISBN 3-570-00277-2

Anhand des privaten Log­buchs, das der ers­te Leut­nant Ro­bert Du­rant führ­te während die Di­li­gent, ein zum Skla­ven­schiff um­ge­bau­tes Han­dels­schiff, 1731 von Van­nes aus, ei­ner klei­nen und wenig be­deu­ten­den Ha­fen­stadt in der Bre­tag­ne, über die Ka­na­ri­schen und Kap­ver­di­schen In­seln an die West­küs­te Afri­kas in der Hö­he des heu­ti­gen Be­nin se­gel­te, um dort 256 Skla­ven ge­gen Han­dels­gü­ter ein­zu­tau­schen, mit denen das Schiff be­la­den war, hat Ro­bert Harms eine Kul­tur­ge­schich­te des Skla­ven­han­dels im 18. Jahr­hun­dert ver­fasst, die so­wohl er­schüt­ternd als auch in­te­res­sant zu le­sen ist.

Nach dem Erwerb und der Un­ter­brin­gung der Skla­ven nahm man Kurs auf Mar­ti­nique, wo ei­ni­ge hun­dert Zu­cker­rohr­plan­ta­gen einen ho­hen Bedarf an Ar­beits­kräf­ten hat­ten, der durch ei­nen stän­di­gen Zu­strom von afri­ka­ni­schen Skla­ven ge­deckt wer­den soll­te. Im Tausch gegen die Skla­ven wurde Zu­cker, Baum­wol­le und Rocou (ein Farb­stoff) ein­ge­han­delt und zu­rück nach Vannes trans­por­tiert. Die Fahrt dauerte 22 Mo­na­te.

Harms zerlegt die Un­ter­neh­mung in Seg­men­te, die er his­to­risch, po­li­tisch und öko­no­misch er­läu­tert. Vom staat­lich mo­no­po­li­sier­ten Skla­ven­han­del hin zum ge­neh­mig­ten pri­va­ten Han­del mit Skla­ven und wel­che Be­deu­tung das für Frank­reich und sei­ne Au­ßen­ter­ri­to­rien hatte im Ver­gleich zu den an­de­ren eu­ro­pä­ischen Län­dern, deren Ko­lo­nien durch die Be­lie­fe­rung mit afri­kanischen Skla­ven im gro­ßen Maß­stab den Wohl­stand und Reich­tum ih­rer Mut­ter­län­der si­cher­ten.

Die Bedingungen des Er­werbs von Skla­ven an der west­af­ri­ka­ni­schen Küs­te wer­den un­ter­sucht, zu­meist han­delte es sich um Ge­fan­ge­ne, die in krie­ge­ri­schen Aus­ei­nan­der­set­zun­gen zwi­schen afri­ka­ni­schen Län­dern oder Stäm­men ge­macht wor­den wa­ren, oder um ver­ur­teil­te Ver­bre­cher oder Aus­ge­sto­ße­ne.

Die Umstände, denen die Skla­ven an Bord der Schif­fe un­ter­wor­fen wa­ren und die nicht sel­ten zu Krank­heit und Tod führ­ten, wer­den be­schrie­ben, so­wie die Be­mü­hun­gen, die ent­kräf­te­ten und ver­zwei­fel­ten Men­schen kurz vor Er­rei­chen von Mar­ti­nique so weit auf­zu­päp­peln, dass sie beim Ver­kauf ei­nen gu­ten Preis er­zie­len konn­ten. Die Kauf­leu­te, die sol­che Skla­ven­schif­fe aus­rüs­te­ten und fi­nan­zier­ten, ver­spra­chen sich ho­he Pro­fi­te von ih­ren In­ves­ti­tio­nen und stan­den vor dem Di­lem­ma, mög­lichst vie­le Men­schen auf dem be­grenz­ten Raum un­ter­zu­brin­gen, oh­ne die To­des­ra­te ein Aus­maß er­rei­chen zu las­sen, das ihre Ge­win­ne nach­hal­tig schmä­ler­te. Denn es star­ben, so­wohl auf der Fahrt als auch auf den Plan­ta­gen, vie­le der ver­sklav­ten Men­schen. Aus un­ter­schied­li­chen Grün­den. Unter den be­trof­fe­nen Afri­ka­nern ging das Ge­rücht um, die Wei­ßen wären Kan­ni­ba­len und wür­den sie zum Zweck des Ver­spei­sens er­wer­ben. Dem ent­zo­gen sich immer wie­der Ge­fan­ge­ne durch Sui­zid. Aber die häu­figs­te To­des­ur­sa­che war ei­ne Fol­ge der be­eng­ten und un­hy­gie­ni­schen Be­din­gun­gen, unter de­nen die Men­schen auf den Schif­fen un­ter­ge­bracht wa­ren. So wurde zum Bei­spiel auf der Di­li­gent ein zu­sätz­li­ches Zwi­schen­deck ein­ge­zo­gen, nach­dem die zum Tausch für die Skla­ven mit­ge­führ­ten Han­dels­gü­ter (Tu­che und Stof­fe so­wie Fäs­ser vol­ler Kau­ri­mu­scheln) ent­la­den wor­den wa­ren. Es konn­te da­durch die dop­pel­te An­zahl Skla­ven un­ter­ge­bracht wer­den, al­ler­dings hat­te die­ses Zwi­schen­deck nur ei­ne Hö­he von 60 cm. Je­weils 2 an den Füßen an­ei­nan­der ge­ket­te­te Ge­fan­ge­ne la­gen Kör­per an Kör­per mit Dut­zen­den an­de­ren in die­sem be­eng­ten Raum. Fä­ka­lien, Schweiß, In­fek­tio­nen sorg­ten immer wie­der für Aus­brü­che von Krank­hei­ten, de­nen vie­le er­la­gen. Es war kei­ne hu­ma­ni­tä­re Ges­te, wenn die Un­ter­brin­gung und Ver­pfle­gung der Ge­fan­ge­nen hin und wie­der ver­bes­sert wur­de. Es war ein kalt be­rech­ne­tes Kal­kül der Pro­fit­ma­xi­mie­rung.

Als die Diligent nach 22 Mo­na­ten wie­der in ih­rem Hei­mat­ha­fen Van­nes ein­lief, er­war­te­te den Ka­pi­tän des Schif­fes, Pierre Mary, ein Pro­zess we­gen Be­trugs. Wie es da­mals üb­lich war, war die größ­te An­zahl der Skla­ven für die Aus­stat­ter des Schif­fes, die Eig­ner be­stimmt. Ka­pi­tän und Of­fi­zie­re konn­ten auf ei­ge­ne Kos­ten ei­ne vor­her fest­ge­leg­te An­zahl Skla­ven er­wer­ben und wie­der ver­kau­fen. Um die Be­sitz­ver­hält­nis­se klar zu do­ku­men­tie­ren, wur­den den Afri­ka­nern Brand­mar­ken auf ver­schie­de­ne Kör­per­tei­le zu­ge­fügt. Un­ter den auf dem Schiff ver­stor­be­nen Ge­fan­ge­nen be­fan­den sich auch 2 aus dem Be­sitz des Ka­pi­täns, der das al­ler­dings ver­schlei­er­te, in­dem er 2 Skla­ven aus dem Be­stand der Eig­ner statt des­sen als ver­stor­ben mel­de­te. Zu­sätz­lich hat­te er sich ei­nen Ge­winn durch den Ver­kauf von Gü­tern aus dem Be­sitz der Eig­ner ver­schafft. Er wur­de aus die­sen Grün­den an­ge­klagt und ver­ur­teilt.

Robert Harms hat nicht nur das per­sön­li­che Log­buch Ro­bert Du­rants und an­de­re zeit­ge­nös­si­sche Quel­len aus­ge­wer­tet, er stützt sich auch auf ak­tuel­le Un­ter­su­chun­gen zum The­ma Skla­ve­rei im 18. Jahr­hun­dert. Da­bei hat er kein wis­sen­schaft­li­ches Werk ver­fasst, son­dern eine his­to­ri­sche Epo­che durch er­zäh­le­ri­sche Ele­men­te in ei­ne span­nen­de und vor al­lem auf­wüh­len­de Lek­tü­re um­ge­setzt. Das Feh­len afri­ka­ni­scher Quel­len wird da­mit be­grün­det, dass es ent­we­der kei­ne ge­ge­ben hat oder sie sich nicht er­hal­ten ha­ben. "Das Skla­ven­schiff" ist mehr­fach mit Prei­sen aus­ge­zeich­net wor­den.


30. Juni 2024

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