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Anhand des privaten Logbuchs, das der erste Leutnant Robert Durant führte während die Diligent, ein zum Sklavenschiff umgebautes Handelsschiff, 1731 von Vannes aus, einer kleinen und wenig bedeutenden Hafenstadt in der Bretagne, über die Kanarischen und Kapverdischen Inseln an die Westküste Afrikas in der Höhe des heutigen Benin segelte, um dort 256 Sklaven gegen Handelsgüter einzutauschen, mit denen das Schiff beladen war, hat Robert Harms eine Kulturgeschichte des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert verfasst, die sowohl erschütternd als auch interessant zu lesen ist. Nach dem Erwerb und der Unterbringung der Sklaven nahm man Kurs auf Martinique, wo einige hundert Zuckerrohrplantagen einen hohen Bedarf an Arbeitskräften hatten, der durch einen ständigen Zustrom von afrikanischen Sklaven gedeckt werden sollte. Im Tausch gegen die Sklaven wurde Zucker, Baumwolle und Rocou (ein Farbstoff) eingehandelt und zurück nach Vannes transportiert. Die Fahrt dauerte 22 Monate. Harms zerlegt die Unternehmung in Segmente, die er historisch, politisch und ökonomisch erläutert. Vom staatlich monopolisierten Sklavenhandel hin zum genehmigten privaten Handel mit Sklaven und welche Bedeutung das für Frankreich und seine Außenterritorien hatte im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern, deren Kolonien durch die Belieferung mit afrikanischen Sklaven im großen Maßstab den Wohlstand und Reichtum ihrer Mutterländer sicherten. Die Bedingungen des Erwerbs von Sklaven an der westafrikanischen Küste werden untersucht, zumeist handelte es sich um Gefangene, die in kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen afrikanischen Ländern oder Stämmen gemacht worden waren, oder um verurteilte Verbrecher oder Ausgestoßene. Die Umstände, denen die Sklaven an Bord der Schiffe unterworfen waren und die nicht selten zu Krankheit und Tod führten, werden beschrieben, sowie die Bemühungen, die entkräfteten und verzweifelten Menschen kurz vor Erreichen von Martinique so weit aufzupäppeln, dass sie beim Verkauf einen guten Preis erzielen konnten. Die Kaufleute, die solche Sklavenschiffe ausrüsteten und finanzierten, versprachen sich hohe Profite von ihren Investitionen und standen vor dem Dilemma, möglichst viele Menschen auf dem begrenzten Raum unterzubringen, ohne die Todesrate ein Ausmaß erreichen zu lassen, das ihre Gewinne nachhaltig schmälerte. Denn es starben, sowohl auf der Fahrt als auch auf den Plantagen, viele der versklavten Menschen. Aus unterschiedlichen Gründen. Unter den betroffenen Afrikanern ging das Gerücht um, die Weißen wären Kannibalen und würden sie zum Zweck des Verspeisens erwerben. Dem entzogen sich immer wieder Gefangene durch Suizid. Aber die häufigste Todesursache war eine Folge der beengten und unhygienischen Bedingungen, unter denen die Menschen auf den Schiffen untergebracht waren. So wurde zum Beispiel auf der Diligent ein zusätzliches Zwischendeck eingezogen, nachdem die zum Tausch für die Sklaven mitgeführten Handelsgüter (Tuche und Stoffe sowie Fässer voller Kaurimuscheln) entladen worden waren. Es konnte dadurch die doppelte Anzahl Sklaven untergebracht werden, allerdings hatte dieses Zwischendeck nur eine Höhe von 60 cm. Jeweils 2 an den Füßen aneinander gekettete Gefangene lagen Körper an Körper mit Dutzenden anderen in diesem beengten Raum. Fäkalien, Schweiß, Infektionen sorgten immer wieder für Ausbrüche von Krankheiten, denen viele erlagen. Es war keine humanitäre Geste, wenn die Unterbringung und Verpflegung der Gefangenen hin und wieder verbessert wurde. Es war ein kalt berechnetes Kalkül der Profitmaximierung. Als die Diligent nach 22 Monaten wieder in ihrem Heimathafen Vannes einlief, erwartete den Kapitän des Schiffes, Pierre Mary, ein Prozess wegen Betrugs. Wie es damals üblich war, war die größte Anzahl der Sklaven für die Ausstatter des Schiffes, die Eigner bestimmt. Kapitän und Offiziere konnten auf eigene Kosten eine vorher festgelegte Anzahl Sklaven erwerben und wieder verkaufen. Um die Besitzverhältnisse klar zu dokumentieren, wurden den Afrikanern Brandmarken auf verschiedene Körperteile zugefügt. Unter den auf dem Schiff verstorbenen Gefangenen befanden sich auch 2 aus dem Besitz des Kapitäns, der das allerdings verschleierte, indem er 2 Sklaven aus dem Bestand der Eigner statt dessen als verstorben meldete. Zusätzlich hatte er sich einen Gewinn durch den Verkauf von Gütern aus dem Besitz der Eigner verschafft. Er wurde aus diesen Gründen angeklagt und verurteilt. Robert Harms hat nicht nur das persönliche Logbuch Robert Durants und andere zeitgenössische Quellen ausgewertet, er stützt sich auch auf aktuelle Untersuchungen zum Thema Sklaverei im 18. Jahrhundert. Dabei hat er kein wissenschaftliches Werk verfasst, sondern eine historische Epoche durch erzählerische Elemente in eine spannende und vor allem aufwühlende Lektüre umgesetzt. Das Fehlen afrikanischer Quellen wird damit begründet, dass es entweder keine gegeben hat oder sie sich nicht erhalten haben. "Das Sklavenschiff" ist mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden. 30. Juni 2024 |
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