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Graham Greene Der dritte Mann Graham Greene
Der dritte Mann. Roman.
Deutsch von Fritz Bur­ger und Kä­the Sprin­ger.
Süddeutsche Zeitung 2004, 122 Sei­ten, ISBN 3-937793-30-5

Graham Greenes "Der drit­te Mann" ist ein klas­si­scher Noir-Thril­ler, der ein düsteres Bild des Nach­kriegs-Wien zeich­net, einer Stadt, die zwi­schen den vier Be­sat­zungs­mäch­ten auf­ge­teilt ist. Der Ro­man han­delt von Rol­lo Mar­tins, ei­nem bri­ti­schen Au­tor von Wes­tern­ro­ma­nen, der auf Ein­la­dung sei­nes al­ten Freun­des Har­ry Lime nach Wien kommt. Dort er­fährt er je­doch, dass sein Freund ei­nem töd­li­chen Un­fall zum Op­fer ge­fal­len ist. Doch es gibt Un­stim­mig­kei­ten bei den Zeu­gen­aus­sa­gen zum Her­gang des Un­falls und Martins ge­rät in ein Netz aus In­tri­gen, Kor­rup­tion und Ge­fahr als er sich um Auf­klä­rung be­müht.

Als Anschuldigungen auf­tau­chen, Limes wä­re im Schwarz­markt­mi­lieu ak­tiv, un­ter­nimmt Mar­tins den Ver­such sei­nen Freund zu ent­las­ten. Doch die Be­wei­se meh­ren sich, dass Limes den Man­gel an Pe­ni­cil­lin aus­nutzt, um mit dem il­le­ga­len Han­del des An­ti­bio­ti­kums ein Ver­mö­gen zu ver­die­nen. Zu­mal er das Me­di­ka­ment streckt und mit Ma­te­ria­lien ver­mischt, die zu star­ken Ge­sund­heits­schä­di­gun­gen führen. Der bri­ti­sche Ma­jor Cal­lo­way, der übri­gens der Er­zäh­ler der Ge­schich­te ist, weiht Mar­tins in den Stand der Er­mitt­lun­gen ge­gen Limes ein und Rol­lo drängt auf eine di­rek­te Kon­fron­ta­tion mit Har­ry, die schließ­lich zum Show­down in den Ge­där­men Wiens führt.

Der Roman fängt die At­mo­sphä­re einer Stadt ein, die im­mer noch un­ter den Ver­wüs­tun­gen des Krie­ges leidet. Die Noir-Ele­men­te des Ro­mans, die mo­ra­li­sche Am­bi­gui­tät und das Ge­fühl der Hoff­nungs­lo­sig­keit, Greenes Be­schrei­bun­gen der brö­ckeln­den In­fra­struk­tur der Stadt, die Armut und der all­ge­gen­wär­ti­ge Schwarz­markt er­zeu­gen ein Ge­fühl grauer Trost­lo­sig­keit.

Der Roman, der we­sent­li­che Merk­ma­le ei­ner No­vel­le trägt, er­schien er­staun­li­cher­wei­se erst ein Jahr nach dem gleich­na­mi­gen Film, der be­reits 1949 in den Ki­nos zu sehen war. Und man muss es klar sa­gen: Der Film ist ein sti­lis­ti­sches Meis­ter­werk, der Ro­man ist es nicht. Aber das hat Grün­de, die Greene im Vor­wort be­nennt: "'Der drit­te Mann' wur­de nicht ge­schrie­ben, um ge­le­sen, son­dern um ge­se­hen zu werden." Der Text stellt qua­si ei­ne Vor­stu­fe zum Dreh­buch dar, das er eben­falls ver­fass­te. Den­noch ge­lingt es dem Text an ei­ni­gen Stel­len, die düs­te­re At­mo­sphä­re des Films er­ah­nen zu las­sen. Greenes Fazit lau­tet je­doch: "Tat­säch­lich ist der Film besser als die Er­zäh­lung, denn er stellt in diesem Fall die end­gül­ti­ge Fas­sung der Er­zäh­lung dar." Dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen.


1. Oktober 2024

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