Gelebte Sehnsucht.
Grenzgängerinnen der Moderne.
Herausgegeben von Susanne Nadolny.
edition ebersbach 2005, 207 Seiten, ISBN 978-3-938740-01-9
Acht Porträts von Frauen, die gegen den Strom schwammen – eigenwillig, unangepasst, kompromisslos. Sie folgten ihrem Weg, auch wenn sie damit ihre Familien und Partner – und nicht selten sich selbst – an den Rand der Verzweiflung trieben. Frauen, die aneckten, für die Konventionen eine Herausforderung darstellten, sie zu übertreten. Frauen, die bewundert und gehasst wurden, die erfolgreich ihre Sehnsüchte lebten oder daran scheiterten.
Was wir heute unter Moderne verstehen, war eine Zeit des Umbruchs, der Experimente und der Überwindung konventioneller Schranken. Und diese Frauen waren nicht unmaßgeblich daran beteiligt:
Mina Loy (1882–1966) war Malerin, Schauspielerin, Dichterin, Designerin, sie schrieb Theaterstücke und trat als Konzeptkünstlerin auf. Vom viktorianischen London in das Paris des fin de siècle, über Florenz nach Greenwich Village und ins revolutionäre Mexiko, schließlich wieder in die USA. Eine Außenseiterin unter Außenseitern bis zum Ende in Armut und Depression.
Dorothy Parker (1893–1967): Aus einer privilegierten Familie stammend, entwickelte sie sich zu einer der scharfzüngigsten und gefürchtetsten Literatur- und Theaterkritikerinnen ihrer Zeit. Ihre pointierten Kurzgeschichten erschienen in renommierten Magazinen wie Vanity Fair und Vogue, während ihre Gedichte zu Bestsellern wurden. Ihr politisches Engagement – sie setzte sich öffentlich für Bürgerrechte und gegen den Faschismus ein – brachte sie während der McCarthy-Ära auf die Schwarze Liste; Hollywood boykottierte sie fortan. Im Laufe der Jahre zehrten Alkoholexzesse und Depressionen an ihrer Gesundheit. Suizidgedanken durchzogen ihr Werk und ihr Leben. Verarmt und von der Öffentlichkeit fast vergessen, starb Dorothy Parker 1967 in einem New Yorker Hotel an einem Herzinfarkt.
Helen Hessel (1886–1982) war eine deutsch-französische Journalistin, Übersetzerin, ausgebildete Malerin und Schriftstellerin. In den 1920er Jahren lebte sie in Paris und bewegte sich in künstlerischen und intellektuellen Kreisen. Sie führte eine langjährige Beziehung mit dem Schriftsteller Henri-Pierre Roché, die in dessen Roman „Jules et Jim“ literarisch verarbeitet wurde. Nach der Trennung von ihrem Ehemann Franz Hessel und ihrer Emigration während der NS-Zeit lebte sie lange in Frankreich. Ihre eigenen literarischen Arbeiten wurden erst spät wiederentdeckt.
Katherine Mansfield (1888–1923) war eine neuseeländisch-britische Schriftstellerin, die als eine der bedeutendsten Autorinnen der literarischen Moderne gilt. 1908 zog sie nach London, um sich ganz der Literatur zu widmen. Mansfield revolutionierte die Kurzgeschichte durch ihre psychologisch nuancierte Erzählweise und ihren impressionistischen Stil. Ihr Leben war geprägt von turbulenten Beziehungen sowie von ihrer langjährigen Tuberkuloseerkrankung, an der sie mit nur 34 Jahren starb. Zuletzt hatte sie sich dem umstrittenen Esoteriker Georges I. Gurdjieff in Paris angeschlossen.
Claire Goll (1890–1977) war eine deutsch-französische Schriftstellerin, Journalistin und Dichterin. Sie war zunächst mit dem Verleger Heinrich Studer verheiratet, bevor sie 1921 den Dichter Yvan Goll heiratete, mit dem sie eine intensive literarische Partnerschaft führte. Goll bewegte sich in den avantgardistischen Kreisen der 1920er Jahre in Paris und pflegte Kontakte zu Künstlern wie Rainer Maria Rilke und Marc Chagall. Sie schrieb Lyrik, Romane und autobiografische Werke in deutscher und französischer Sprache. Goll lebte bis zu ihrem Tod in Paris.
Nancy Cunard (1896–1965) war eine britische Schriftstellerin, Verlegerin, politische Aktivistin und Muse der literarischen Avantgarde. Sie wuchs in privilegierten Verhältnissen auf, rebellierte aber früh gegen ihre konservative Herkunft. In den 1920er Jahren lebte sie in Paris, wo sie zur zentralen Figur der expatriierten Künstlerszene wurde und mit Persönlichkeiten wie Ezra Pound, James Joyce und Man Ray verkehrte. 1928 gründete sie den Verlag Hours Press, in dem sie avantgardistische literarische Projekte publizierte. Cunard engagierte sich gegen Rassismus und Faschismus – ihre Beziehung zum afroamerikanischen Jazzmusiker Henry Crowder führte zum Bruch mit ihrer Mutter und zum Skandal in der britischen Gesellschaft. Ihr monumentales Werk „Negro. Anthology.“ (1934) war ein Meilenstein antikolonialer Kulturarbeit. Sie berichtete als Journalistin aus dem Spanischen Bürgerkrieg und setzte sich zeitlebens für soziale Gerechtigkeit ein.
Elsa Triolet (1896–1970) war eine französisch-russische Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie schrieb Romane, Novellen, Biografien und Essays. Nach der Russischen Revolution emigrierte sie nach Westeuropa und ließ sich schließlich in Frankreich nieder. 1928 lernte sie den Dichter Louis Aragon kennen, den sie 1939 heiratete – eine Liebesbeziehung, die beide bis zu ihrem Tod literarisch inspirierte. Triolet schrieb zunächst auf Russisch, wechselte dann aber zum Französischen und wurde eine wichtige Stimme der französischen Literatur. Während des Zweiten Weltkriegs war sie aktiv in der Résistance tätig. Für ihren Roman „Le premier accroc coûte 200 francs“ (1944) erhielt sie als erste Frau den Prix Goncourt verliehen. Sie übersetzte auch bedeutende russische Literatur ins Französische.
Annemarie Schwarzenbach (1908–1942) war eine Schweizer Schriftstellerin, Journalistin und Fotografin. Geboren in eine wohlhabende Industriellenfamilie in Zürich, studierte sie Geschichte und Philosophie. Schwarzenbach bewegte sich in den intellektuellen und künstlerischen Kreisen Europas und war mit Autoren wie Klaus und Erika Mann, Carson McCullers und anderen befreundet. Sie unternahm zahlreiche ausgedehnte Reisen durch den Nahen Osten, Zentralasien, Afrika und Amerika, über die sie in Reportagen, Essays und literarischen Texten berichtete, häufig durch eigene Fotografien dokumentiert. Schwarzenbachs Leben war geprägt von inneren Konflikten, ihrer Homosexualität, Drogenabhängigkeit und dem schwierigen Verhältnis zu ihrer nationalistisch gesinnten Mutter. Sie starb mit nur 34 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls in der Schweiz. Ihr Werk wurde erst posthum wiederentdeckt und gewürdigt.
Ein mehrseitiger Anhang bietet weiteres Material zur Vertiefung in die Biografien der hier aufgeführten Frauen. Ein interessantes und lesenswertes Buch über die Möglichkeiten und Grenzen radikaler Selbstverwirklichung.
→ Annemarie Schwarzenbach: Orientreisen. Reportagen aus der Fremde
11. Januar 2026