François Garde:
Was mit dem weißen Wilden geschah. Roman.
Aus dem Französischen von Sylvia Spatz.
C.H. Beck 2014, 318 Seiten, ISBN 978 3 406 66304 8
Der Roman „Was mit dem weißen Wilden geschah“ (Originaltitel: Ce qu’il advint du sauvage blanc, 2012) von François Garde beschreibt die Geschichte des französischen Matrosen Narcisse Pelletier. Dieser wurde – achtzehnjährig – 1843 versehentlich an der australischen Nordküste zurückgelassen und lebte die nächsten achtzehn Jahre bei Aborigines, deren Sprache und Lebensweise er vollständig annahm. Nach seiner zufälligen Entdeckung wurde er dem unerfahrenen Anthropologen Octave de Vallombrun anvertraut, der ihn nach Frankreich zurückbrachte, um ihn zu erforschen und wieder in die „Zivilisation“ einzugliedern.
Der Roman erzählt die Ereignisse aus zwei Perspektiven: Jedes Kapitel beginnt mit Narcisses Erlebnissen in der Wildnis – seinem Überlebenskampf, der schrittweisen Annäherung an die „Wilden“ und sein Ringen um Verständnis. Jedes Kapitel schließt mit einem Brief Vallombruns an den Präsidenten der Gesellschaft für Geografie, in dem er über Fortschritte und Rückschläge seiner Arbeit mit Narcisse berichtet, um schließlich sein Scheitern einzugestehen.
Der „weiße Wilde“ Narcisse verkörpert deutlich Anklänge an Rousseaus Ideal des „edlen Wilden: Er lehnt Besitz, Geld und gesellschaftliche Konventionen ab. Kleidung und Äußerlichkeiten sind ihm gleichgültig, ebenso wie gesellschaftliche Anerkennung oder feine Umgangsformen. Er spricht wenig und zeigt kein Interesse an mondänem Leben.
Die französische Gesellschaft, besonders die gebildeten Kreise, betrachtet ihn, als Angehörigen einer primitiven Kultur, mit Arroganz und Überheblichkeit.
In Frankreich zieht sich Narcisse als Gehilfe des Leuchtturmwärters auf die Ile de Ré zurück und bleibt ein schweigsamer Außenseiter. Der Roman endet mit seinem Verschwinden, nachdem ihn Vallombrun erneut energisch bedrängt hat, aus seiner Zeit in Australien zu berichten.
Über die Abenteuergeschichte hinaus thematisiert der Roman zentrale Fragen zu Kolonialismus, Zivilisation und kultureller Identität. Zugleich ist das Werk ein Bildungs- und Wissenschaftsroman mit philosophischen Bezügen. Eine Reflexion über Entwurzelung, kulturelle Hybris und die Zerbrechlichkeit menschlicher Identität. Die Parallelen zwischen Octave de Vallombrun und Jean Itard (1774–1838), der den „Wolfsjungen von Aveyron“ zu zivilisieren versuchte, sind offensichtlich.
„Was mit dem weißen Wilden geschah“ basiert auf historischen Ereignissen, weicht allerdings deutlich davon ab. Der historische Narcisse Pelletier wurde 1858 (nicht 1843) zurückgelassen und lebte 17 (nicht 18) Jahre bei den Aborigines. Am 11. April 1875 wurde er von der Mannschaft eines Perlenfischerboots, der John Bell, entdeckt und über mehrere Stationen nach Sydney gebracht. Pelletier behauptete immer wieder, er sei entführt worden, und unternahm mehrere Fluchtversuche. Zurück nach Frankreich gebracht, heiratete er 1880 eine Näherin, die Ehe blieb kinderlos. Narcisse verstarb – fünfzigjährig – am 28. September 1894 in Saint-Nazaire.
François Garde erhielt 2012 für seinen Roman „Ce qu’il advint du sauvage blanc“ den „Prix Goncourt du premier roman“.
* Lucien Malson / Jean Itard / Octave Mannoni: Die wilden Kinder. Suhrkamp 1972. Siehe auch die Verfilmung durch François Truffaut: L’Enfant sauvage (1970).
23. Februar 2026