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Richard Flanagan Die unbekannte Terroristin Richard Flanagan:
Die unbekannte Ter­ro­ris­tin.
Aus dem aus­tra­li­schen Eng­lisch von Eva Bon­né.
Piper Verlag 2017, 331 Sei­ten, ISBN 978-3-492-31187-8

Die Pole-Tän­ze­rin Gina Da­vies lernt auf dem Mar­di Gras in Syd­ney ei­nen at­trak­ti­ven und char­man­ten jun­gen Mann (Tariq) ken­nen und ver­bringt die Nacht mit ihm. Am nächs­ten Mor­gen be­ob­ach­tet sie, wie schwer be­waff­ne­te Spe­zial­ein­hei­ten der Po­li­zei den Ge­bäu­de­kom­plex ab­sper­ren, den sie kurz zu­vor ver­las­sen hat­te. In den Nach­rich­ten wird ein Foto ver­öf­fent­licht, das sie selbst und Tariq beim Be­tre­ten des Hau­ses zeigt; sie wer­den als Ter­ro­ris­ten be­zeich­net, die ver­ant­wort­lich für die Plat­zie­rung von drei Spreng­kör­pern ge­we­sen sein sol­len, die am Tag zu­vor in ei­nem Fuß­ball­sta­dion ent­deckt wor­den wa­ren.

Noch bevor Gina die Trag­wei­te der Si­tua­tion be­greift, wird sie von Ri­chard Cody, ei­nem Jour­na­lis­ten auf dem ab­stei­gen­den Ast, öf­fent­lich zur „brand­ge­fähr­li­chen Ter­ro­ris­tin“ er­klärt. Cody, der tags zu­vor Gast in Gi­nas Club war und sie auf dem Foto er­kannt hat, sieht darin eine Ge­le­gen­heit, sei­ne Kar­rie­re zu ret­ten.

Gina sucht zu­nächst die Po­li­zei auf, um sich zu stel­len, ver­lässt das Re­vier je­doch wie­der, weil sie fürch­tet, man wer­de ihr nicht glau­ben. In­zwi­schen er­reicht die Fahn­dung nach ihr lan­des­wei­te Di­men­sio­nen. Me­dien über­bie­ten sich mit Schlag­zei­len über die „Schwar­ze Wit­we“, wie Gina nun ge­nannt wird.

Zweifel an ihrer Schuld wer­den von den Ge­heim­diens­ten kon­se­quent ig­no­riert. Ge­ra­de das Feh­len stich­hal­ti­ger Be­wei­se wird als In­diz für eine be­son­ders tie­fe Ver­stri­ckung in­ter­pre­tiert. Selbst als be­kannt wird, dass Ta­riq in Dro­gen- und Men­schen­schmug­gel ver­wi­ckelt ge­we­sen sein könn­te und Skep­sis laut wird, ob eine is­la­mis­ti­sche Ter­ro­ris­tin tat­säch­lich in ei­nem Strip­club ar­bei­ten wür­de, bleibt die of­fi­ziel­le Dar­stel­lung un­ver­än­dert: Man spricht von ei­ner „per­fi­den Tar­nung“.

In einem Ge­spräch zwi­schen ei­nem er­mit­teln­den Po­li­zis­ten und ei­nem Ge­heim­dienst­mit­ar­bei­ter deu­tet Letz­te­rer schließ­lich an, dass die Bom­ben im Sta­dion wie auch Ta­riqs Er­mor­dung von staat­li­chen Stel­len in­sze­niert wor­den sein könn­ten – als Be­weis für die Be­dro­hungs­la­ge und als Recht­fer­ti­gung für ver­schärf­te Si­cher­heits­ge­set­ze.*

Als Gina sich im­mer wei­ter in die Enge ge­trie­ben fühlt, spit­zen sich die Er­eig­nis­se zu und mün­den in eine Ka­ta­stro­phe.

Die Parallelen zu Hein­rich Bölls vor drei­ßig Jah­ren er­schie­ne­nen Ro­man „Die ver­lo­re­ne Ehre der Ka­tha­ri­na Blum“ sind un­über­seh­bar. Auch hier geht es um die Kon­struk­tion ei­ner ver­meint­li­chen Rea­li­tät durch Me­dien und Be­hör­den, die mit Angst und Macht­er­halt ar­bei­ten. Das Schick­sal Ein­zel­ner, die in die­ses Rä­der­werk ge­ra­ten, er­scheint da­bei als bloßer Kol­la­te­ral­scha­den.

Der australische Schrift­stel­ler Ri­chard Fla­na­gan (*1961) wur­de 2014 mit dem Man Boo­ker Prize für sei­nen Ro­man „The Nar­row Road to the Deep North“ (dt. Der schma­le Pfad durchs Hin­ter­land, Pi­per 2015) aus­ge­zeich­net. Ne­ben wei­te­ren Ro­ma­nen ver­öf­fent­lich­te er auch Sach­bü­cher und war als Dreh­buch­au­tor und Re­gis­seur tä­tig. Sein Film „The Sound of One Hand Clap­ping“ wur­de 1998 für den Gol­de­nen Bä­ren der Ber­li­na­le no­mi­niert.


* Siehe Peter Ur­bach, der Spit­zel des Ber­li­ner Ver­fas­sungs­schut­zes, der die ers­ten Waf­fen in die lin­ke Sze­ne brach­te, oder das „Cel­ler Loch“, das 1978 in die Au­ßen­mau­er des Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis­ses in Cel­le ge­sprengt wur­de, um ei­nen Be­frei­ungs­ver­such des dort ein­sit­zen­den Si­gurd De­bus vor­zu­täu­schen, der – mög­li­cher­wei­se zu Un­recht – der RAF zu­ge­rech­net wur­de. Be­tei­ligt wa­ren der nie­der­säch­si­sche Ver­fas­sungs­schutz und die GSG 9. Erst 1986 konn­te eine akri­bi­sche Re­cher­che des Jour­na­lis­ten Ul­rich Neu­fert den Sach­ver­halt auf­de­cken. Debus, für den Haft­er­leich­te­run­gen mit Ver­weis auf die ver­such­te Ge­fan­ge­nen­be­frei­ung ab­ge­lehnt wur­den, starb üb­rigens an den Fol­gen der Zwangs­er­näh­rung wäh­rend ei­nes Hun­ger­streiks, den er aus Pro­test ge­gen eben die­se Haft­be­din­gun­gen un­ter­nom­men hat­te.


21. September 2025

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