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Die Pole-Tänzerin Gina Davies lernt auf dem Mardi Gras in Sydney einen attraktiven und charmanten jungen Mann (Tariq) kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Am nächsten Morgen beobachtet sie, wie schwer bewaffnete Spezialeinheiten der Polizei den Gebäudekomplex absperren, den sie kurz zuvor verlassen hatte. In den Nachrichten wird ein Foto veröffentlicht, das sie selbst und Tariq beim Betreten des Hauses zeigt; sie werden als Terroristen bezeichnet, die verantwortlich für die Platzierung von drei Sprengkörpern gewesen sein sollen, die am Tag zuvor in einem Fußballstadion entdeckt worden waren. Noch bevor Gina die Tragweite der Situation begreift, wird sie von Richard Cody, einem Journalisten auf dem absteigenden Ast, öffentlich zur „brandgefährlichen Terroristin“ erklärt. Cody, der tags zuvor Gast in Ginas Club war und sie auf dem Foto erkannt hat, sieht darin eine Gelegenheit, seine Karriere zu retten. Gina sucht zunächst die Polizei auf, um sich zu stellen, verlässt das Revier jedoch wieder, weil sie fürchtet, man werde ihr nicht glauben. Inzwischen erreicht die Fahndung nach ihr landesweite Dimensionen. Medien überbieten sich mit Schlagzeilen über die „Schwarze Witwe“, wie Gina nun genannt wird. Zweifel an ihrer Schuld werden von den Geheimdiensten konsequent ignoriert. Gerade das Fehlen stichhaltiger Beweise wird als Indiz für eine besonders tiefe Verstrickung interpretiert. Selbst als bekannt wird, dass Tariq in Drogen- und Menschenschmuggel verwickelt gewesen sein könnte und Skepsis laut wird, ob eine islamistische Terroristin tatsächlich in einem Stripclub arbeiten würde, bleibt die offizielle Darstellung unverändert: Man spricht von einer „perfiden Tarnung“. In einem Gespräch zwischen einem ermittelnden Polizisten und einem Geheimdienstmitarbeiter deutet Letzterer schließlich an, dass die Bomben im Stadion wie auch Tariqs Ermordung von staatlichen Stellen inszeniert worden sein könnten – als Beweis für die Bedrohungslage und als Rechtfertigung für verschärfte Sicherheitsgesetze.* Als Gina sich immer weiter in die Enge getrieben fühlt, spitzen sich die Ereignisse zu und münden in eine Katastrophe. Die Parallelen zu Heinrich Bölls vor dreißig Jahren erschienenen Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ sind unübersehbar. Auch hier geht es um die Konstruktion einer vermeintlichen Realität durch Medien und Behörden, die mit Angst und Machterhalt arbeiten. Das Schicksal Einzelner, die in dieses Räderwerk geraten, erscheint dabei als bloßer Kollateralschaden. Der australische Schriftsteller Richard Flanagan (*1961) wurde 2014 mit dem Man Booker Prize für seinen Roman „The Narrow Road to the Deep North“ (dt. Der schmale Pfad durchs Hinterland, Piper 2015) ausgezeichnet. Neben weiteren Romanen veröffentlichte er auch Sachbücher und war als Drehbuchautor und Regisseur tätig. Sein Film „The Sound of One Hand Clapping“ wurde 1998 für den Goldenen Bären der Berlinale nominiert. * Siehe Peter Urbach, der Spitzel des Berliner Verfassungsschutzes, der die ersten Waffen in die linke Szene brachte, oder das „Celler Loch“, das 1978 in die Außenmauer des Hochsicherheitsgefängnisses in Celle gesprengt wurde, um einen Befreiungsversuch des dort einsitzenden Sigurd Debus vorzutäuschen, der – möglicherweise zu Unrecht – der RAF zugerechnet wurde. Beteiligt waren der niedersächsische Verfassungsschutz und die GSG 9. Erst 1986 konnte eine akribische Recherche des Journalisten Ulrich Neufert den Sachverhalt aufdecken. Debus, für den Hafterleichterungen mit Verweis auf die versuchte Gefangenenbefreiung abgelehnt wurden, starb übrigens an den Folgen der Zwangsernährung während eines Hungerstreiks, den er aus Protest gegen eben diese Haftbedingungen unternommen hatte. 21. September 2025 |
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