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Schon bald nach dem Tod ihrer Mutter beginnt Annie Ernaux einen Text über sie zu schreiben, von dem sie sagt: "Dies ist keine Biographie und natürlich auch kein Roman, eher etwas zwischen Literatur, Soziologie und Geschichtsschreibung." (S. 88) Und diese Mischung verleiht einem Leben eine Tiefe und Struktur, die über die bloße Existenz der Mutter hinausgeht. Ein Kaleidoskop zweier Generationen (mit den Großeltern sind es drei) in ihrer Zeit und dem Wandel der Vorstellungen und Lebensweisen unterschiedlicher Milieus und den Versuchen, ihnen zu entkommen. Annie Ernauxs Mutter wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer ländlichen Gegend in der Normandie geboren. Mit zwölfeinhalb ging sie von der Schule ab und fand zunächst Arbeit in einer Margarinefabrik, dann in einer Seilerei, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte. 1928 Heirat. Während der Vater auf Großbaustellen Arbeit gefunden hatte, führte die Mutter eine Gaststätte mit angeschlossenem Lebensmittelladen. Sie war bildungshungrig und immer bemüht, ihre Herkunft zu kaschieren seitdem ihre Tochter auf eine höhere Schule ging. Nach dem Tod des Vaters verkaufte die Mutter das Geschäft. Später zog sie in das Haus von Annie, die dort mit ihrem Mann und zwei Söhnen lebte. Die Stimmung zwischen Mutter und Tochter war zunehmend gereizt. Nach Krankenhausaufenthalten und einem Abgleiten in die Demenz starb sie 1986 auf einer Palliativstation. Annie Ernaux beschreibt das Verhältnis zu ihrer Mutter als ambivalent und bemüht sich, deren Charakterzüge auch als Ausdruck ihrer Lebensumstände zu begreifen, Phänotyp und Individuum zugleich. Die Versuche, ihre Beziehung zueinander zu abstrahieren, indem sie sich selbst vorgibt, über eine Mutter-Tochter-Beziehung zu schreiben, in der sie nicht Annie Ernaux und die Mutter nicht ihre Mutter ist, müssen – wenigstens teilweise – scheitern. Denn trotz der sachlich beschreibenden Sprache – oder gerade wegen ihr, wegen des Kontrastes zwischen Form und Inhalt – springt die Intensität der Trauer und des Mitgefühls während der fortschreitenden Demenz auf die Leser*innen über und löst eine tiefe Betroffenheit aus. Annie Ernaux war bemüht, eine Form zu finden, die sich in Richtung der Wahrheit bewegt. Und spürt doch immer wieder, dass sich etwas in ihr dagegen sträubt. Dass und wie sie in diesem Zwiespalt schreibt, kommt der Wahrheit wohl am nächsten und macht das Buch zu einem literarischen Ereignis. Der Text ist erstmals 1987 in Frankreich erschienen, in deutscher Übersetzung 1993 bei S. Fischer. Seit 2019 liegt er nun, neu übersetzt von Sonja Fink, bei Suhrkamp vor. 2022 wurde Annie Ernaux mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 27. Mai 2024 |
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