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Das europäische Mittelalter war durch eine intensive Religiosität geprägt, die sich über alle Lebensbereiche erstreckte. Und der männliche Klerus sah sich mit einer wachsenden Zahl lebender Heiliger, vorwiegend Frauen, konfrontiert. Frauen aus dem Volk, Nonnen, aber auch dem Adel entstammend, zeigten Merkmale geistiger Entrückung, berichteten von direkten Kontakten zu Gott, Jesus oder dem Heiligen Geist. Solche mystischen Zustände wurden häufig ergänzt durch Visionen [1], Ekstasen, Nahrungslosigkeit, Ausbildung der Stigmata der Leiden des Herrn, Levitationen u.ä. War im einfachen Volk die Bereitschaft hoch, derartiges Verhalten als Ausdruck der Heiligkeit der betroffenen Person anzusehen, kam es im Klerus zu Irritationen, wie damit umzugehen sei. Von der uneingeschränkten Akzeptanz der Phänomene als Ausdruck der Heiligkeit bis zum Verdacht des Betrugs und sogar zum Vorwurf der Besessenheit gab es unzählige Abstufungen, die sich, je nach Protektion bzw. internen Machtverschiebungen auch verändern konnten. Dinzelbacher geht diesen Heiligenviten im Detail nach und veranschaulicht den Wandel, der sich innerhalb der katholischen Kirche im Lauf der Jahrhunderte vollzogen hat. So wurden die Prüfungen, denen vermeintliche Heilige unterzogen wurden, immer strenger und die Anerkennungen der Heiligkeit nahmen ab. Parallel dazu wuchs der Verdacht der Teufelsbuhlschaft und der Macht von Dämonen, die für die gezeigten Phänomene verantwortlich waren. Diese Frauen wurden als Hexen verfolgt und nicht selten verbrannt. So weist Dinzelbacher Analogien im Verhalten von Heiligen und vermeintlichen Hexen nach, die zu entgegengesetzten Beurteilungen führen konnten. Das Beispiel Jeanne d'Arc veranschaulicht, wie bedeutend der Einfluss politischer Kräfte auf die Heiligsprechung sein konnte. Heute bizarr erscheinende Formen der Heiligenverehrung [2] finden ebenso Erwähnung wie sadistische Komponenten der peinlichen Befragung von Hexen durch die Inquisition. Doch der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Entwicklung der Kriterien, die zu einer Heiligsprechung gegeben sein mussten und den divergierenden Interpretationen dieser Kriterien. Dem gegenüber steht die zunehmende Dämonisierung von Frauen, deren Aktivitäten aus unterschiedlichen Gründen als nicht (mehr [3]) tolerabel galten. Beide Entwicklungen stellen Versuche der kirchlichen Autoritäten dar, ihre Position gesellschaftlich zu stabilisieren. Ein sachkundiges Buch über Phänomene, die mittelalterliche Frauen zu Heiligen oder Hexen werden ließen. Eine umfangreiche Bibliographie bietet Stoff zur weiteren Befassung mit dem Thema. Peter Dinzelbacher (*1948) ist Historiker mit langjähriger Lehrtätigkeit. Der Schwerpunkt seiner Forschung ist das europäische Mittelalter, über das zahlreiche Publikationen von ihm erschienen sind. ---------------------------- 1. Der heilige Nikolaus von Flüe erlebte seine erste Vision bereits pränatal im Mutterleib. S. 43 2. "... wie man ja im Mittelalter auch Schamhaare des hl. Marcus oder Exkremente des hl. Johannes Columbini als Reliquien aufbewahrte und die Gläubigen zu ihrer Verehrung anhielt." S. 218 3. So etwa heilkundige Frauen und Hebammen. 4. Liedwy von Schiedam, 1380 – 1433 ---------------------------- 24. März 2024 → Religion |
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