Kassiber RAF
Autoren Glossen Lyrik

Chotjewitz Croissant Peter O. Chotjewitz:
Mein Freund Klaus. Roman.
Verbrecher Verlag 2007, 570 Sei­ten, ISBN 978-3-935843-89-8

Klaus Croissant (1931-2002) wird öf­fent­lich vor al­lem als An­walt wahr­ge­nom­men, des­sen Kanz­lei zeit­wei­se als Schalt­zen­tra­le der RAF ge­dient ha­ben soll, und als IM (in­of­fi­zi­el­ler Mit­ar­bei­ter) „Ta­ler“ des Mi­nis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit der DDR. Peter O. Chot­je­witz, selbst An­walt, Schrift­stel­ler und lang­jäh­ri­ger Freund Crois­sants, tritt an, die­se ein­sei­ti­ge Sicht auf sei­nen Freund zu durch­bre­chen. Zu die­sem Zweck reis­te er jah­re­lang quer durch Eu­ro­pa, um alte Weg­ge­fähr­ten zu be­fra­gen. Freun­de und Freun­din­nen von Klaus, Man­dan­ten, An­walts­kol­le­gen, Nach­barn, RAF-Kämp­fer, Kol­le­gen aus dem Eu­ro­pä­i­schen Par­la­ment und ehe­ma­li­ge Part­ne­rin­nen. He­raus­ge­kom­men ist kein klas­si­sches Por­trät, son­dern ein Mo­sa­ik mit Fehl­stel­len [1].

Chotjewitz be­zeich­net Crois­sant als sei­nen „Zwil­ling“ [2], ein zen­tra­ler Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis des Tex­tes.

Croissants po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung voll­zog sich wäh­rend des Stamm­hei­mer Pro­zes­ses ge­gen die so­ge­nann­te ers­te Ge­ne­ra­tion der Rote Ar­mee Frak­tion (An­dreas Baa­der, Gud­run Enss­lin, Ul­ri­ke Mein­hof und Jan Carl Ras­pe). Die Er­fah­run­gen, die Crois­sant und sei­ne Mit­ver­tei­di­ger in die­sem Ver­fah­ren mach­ten, er­schüt­ter­ten ihr Ver­trau­en in den Rechts­staat grund­le­gend. Aus dem bür­ger­li­chen An­walt wur­de je­mand, der für sei­ne Man­dan­ten al­les aufs Spiel setz­te, für de­ren Rech­te und Le­ben, „ohne Rück­sicht auf sich selbst und an­de­re“.

Chotjewitz beschreibt ein Tref­fen mit dem An­walt Arndt Mül­ler (der in der Kanz­lei Crois­sants ar­bei­te­te und we­gen Un­ter­stüt­zung ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung zu ei­ner Haft­stra­fe von vier Jah­ren und acht Mo­na­ten und wei­te­ren fünf Jah­ren Be­rufs­ver­bot ver­ur­teilt wor­den war. KM) und ihr ge­mein­sa­mes Re­sü­mee lau­tet: Crois­sant sei „nicht in der RAF, er war kein Re­vo­lu­tio­när, er war ein Bür­ger. Ei­ner vom al­ten Schlag.“ Ei­ner, der sich nicht ver­bie­gen ließ.

Chotjewitz berichtet von Ge­sprä­chen mit An­dreas Baa­der in Stamm­heim über des­sen be­vor­ste­hen­den Tod, der bei­den als un­aus­weich­lich er­schien: „Wir wuss­ten bei­de, dass man sie ir­gend­wann tö­ten wür­de. Wenn drau­ßen et­was ge­schah, das ihre Tö­tung als all­ge­mein er­wünsch­te ul­ti­ma ra­tio er­schei­nen ließ.“ [3]

Nach dem Tod der Ge­fan­ge­nen in der Nacht zum 18. Ok­to­ber 1977 bau­te die Bun­des­an­walt­schaft ihr Ge­rüst aus An­kla­gen ge­gen die Kanz­lei Crois­sant wei­ter aus und über­zog alle Be­tei­lig­ten mit Ver­fah­ren, die in Haft­stra­fen und Be­rufs­ver­bo­ten en­de­ten. Chot­je­witz stellt die Be­rech­ti­gung die­ser Vor­wür­fe – die vor al­lem auf den Aus­sa­gen des Spit­zels Vol­ker Spei­tel be­ru­hen – grund­sätz­lich in Fra­ge und ver­weist auf zahl­rei­che Wi­der­sprü­che und Feh­ler. [4]

Das Buch zeich­net zu­gleich ein sub­jek­ti­ves Pa­no­ra­ma der lin­ken Sze­ne der spä­ten 1960er und 1970er Jah­re. Chot­je­witz er­in­nert etwa an das brei­te Un­ter­stüt­zer­feld in der Früh­zeit der RAF und da­ran, dass Rei­sen von Baa­der und Enss­lin durch Spen­den von Me­di­en­un­ter­neh­mer Hu­bert Bur­da oder dem Schrift­stel­ler und Fil­me­ma­cher Ale­xan­der Klu­ge er­mög­licht wor­den sei­en – ein Hin­weis da­rauf, bis in wel­che Mi­li­eus das Sym­pa­thie­um­feld reich­te.

Ob es rich­tig ge­we­sen sei, sich zu be­waff­nen, las­se sich rück­bli­ckend nicht be­ant­wor­ten, schreibt Chot­je­witz. Die­se Fra­ge kön­ne nur aus der da­ma­li­gen Si­tu­a­tion he­raus be­ur­teilt wer­den. Und zur Fra­ge der So­li­da­ri­tät: „Für Klaus (wie für mich und vie­le an­de­re) er­gab die Un­be­dingt­heit der RAF eine fa­ta­le Pa­ra­do­xie, die nicht auf­lös­bar war. Wir hat­ten es mit Ge­nos­sen, teil­wei­se so­gar Freun­den zu tun, de­ren Han­deln wir nicht in je­der Hin­sicht gut­hei­ßen konn­ten, für die wir uns je­doch nicht ein­set­zen konn­ten, wenn wir uns von ge­wis­sen Hand­lungs­e­le­men­ten öf­fent­lich dis­tan­zier­ten. Je­der Akt der öf­fent­li­chen Dis­tan­zie­rung er­leich­ter­te es dem Geg­ner, sie zu eli­mi­nie­ren.“ (S. 545f)

Croissant be­an­trag­te in Frank­reich Asyl, nach­dem er zu­nächst von der Ver­tei­di­gung der An­ge­klag­ten in Stamm­heim aus­ge­schlos­sen wor­den war und kurz da­rauf ein Haft­be­fehl we­gen Un­ter­stüt­zung ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung ge­gen ihn er­las­sen wur­de. Mehr als 200 nam­haf­te Per­sön­lich­kei­ten pro­tes­tier­ten in ei­ner ge­mein­sa­men Er­klä­rung er­folg­los ge­gen sei­ne Aus­lie­fe­rung in die Bun­des­re­pu­blik. [5]

Nach seiner Haft­ent­las­sung – er war zu zwei­ein­halb Jah­ren Haft und ei­nem vier­jäh­ri­gen Be­rufs­ver­bot ver­ur­teilt wor­den – über­sie­del­te er nach Ber­lin, wo es zu Kon­tak­ten mit dem Mi­nis­te­rium für Staats­si­cher­heit der DDR kam. „Klaus be­strei­tet, sag­te ich, sich je­mals ver­pflich­tet zu ha­ben, für das MfS tä­tig zu wer­den. Auch den Na­men Ta­ler habe er erst­mals 1992 ge­hört.“ (S. 510)

Das Buch en­det mit ei­nem Satz aus Lud­wig Witt­gen­steins Trac­ta­tus lo­gi­co-phi­lo­so­phi­cus: „Wo­rü­ber man nicht spre­chen kann, da­rü­ber muss man schwei­gen.“

Peter O. Chot­je­witz (1934-2010) war kein RAF-An­walt, wie mit­un­ter be­haup­tet wird. Er hat­te An­dre­as Baa­der ver­tre­tungs­wei­se über­nom­men, als ein an­de­rer An­walt aus­ge­fal­len war, und ihn mehr­mals im Ge­fäng­nis be­sucht. Da­rüber hi­naus hat er in ei­nem an­de­ren Ver­fah­ren Pe­ter Paul Zahl ver­tre­ten, der aber mit der RAF nichts zu tun hat­te. Das war's.

„Mein Verhältnis zur RAF und zum be­waff­ne­ten Kampf war nie em­pha­tisch.
Ich wusste vom ers­ten Tag an, dass ihr Un­ter­neh­men kei­nen Er­folg ha­ben konn­te. Dass vie­le von ih­nen da­bei drauf­ge­hen wür­den.
Wenn eine von ih­nen oder ei­ner mich frag­te, wie ich zu ih­rer Sa­che stün­de, riet ich ab.
,Laßt die Finger da­von, Leu­te. Sie wer­den euch alle um­brin­gen.'
Heute über­rascht es mich, dass nur die Hälf­te von ih­nen um­ge­bracht wur­de.
Alle Staaten sind ver­bre­che­ri­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen. Es ge­hört zu ih­rem We­sen.
Das ist der Grund, wa­rum ich mich nie­mals von Men­schen dis­tan­zie­ren wür­de, die den Mut und die Kraft ha­ben, den Staat zu be­kämp­fen.
Warum ich sie stets be­wun­dern wer­de.“ (S. 341)

Im Kontrast zu vie­len ehe­ma­li­gen Sym­pa­thi­san­ten, de­ren Ver­leug­nung und De­nun­zia­tion we­sent­li­cher Tei­le ih­rer ei­ge­nen Bio­gra­fie sie spä­ter in hohe Äm­ter und ein­fluss­rei­che Po­si­tio­nen be­för­dert hat, wir­ken sol­che Be­kennt­nis­se wie sel­te­ne Stern­stun­den der Auf­rich­tig­keit.

Ein etwas sorgfältigeres Lek­to­rat hät­te dem Text gut ge­tan. So ist durch­gän­gig von „Ro­ten Zel­len“ die Rede, wenn of­fen­bar die „Re­vo­lu­tio­nä­ren Zel­len“ ge­meint sind. Ir­ri­tiert ha­ben mich die Lo­bes­hym­nen auf den Spie­ßer­staat DDR, ge­äu­ßert von Men­schen, die in die­ser Form des „rea­len So­zia­lis­mus“ si­cher eben­so an­ge­eckt wä­ren wie in sei­nem ka­pi­ta­lis­ti­schen Pen­dant. Die Gat­tungs­be­zeich­nung Ro­man soll­te ver­mut­lich vor straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen schüt­zen.

„Mein Freund Klaus“ ist auch eine Re­fle­xion über die Gren­zen von Freund­schaft, Po­li­tik und Mo­ral [6]. Al­les in al­lem eine le­sens­wer­te Lek­tü­re für In­te­res­sier­te an die­ser Epo­che der deut­schen Zeit­ge­schich­te.


1. „Es war ein Irr­tum, als ich mit den Re­cher­chen an­fing, zu mei­nen, ich könn­te he­raus­fin­den, wer Klaus war, und es wäre un­lau­ter, wenn ich jetzt be­haup­ten wür­de, ich hät­te es he­raus­ge­fun­den.“ S. 16

2. „Wir sind uns ähn­lich. Nar­ziss­ti­sche Ty­pen, ein biss­chen ober­fläch­lich, Lust­men­schen, un­an­ge­passt, un­sym­pa­thisch. Wir hat­ten die glei­chen Ide­a­le. Über­zeu­gungs­tä­ter. Wir sind Zwil­lin­ge.“ S. 73

3. S. 293 Das vollständige Zi­tat lau­tet: „Manch­mal spra­chen wir (Chot­je­witz und Baa­der bei Be­su­chen in Stamm­heim KM) über sei­nen be­vor­ste­hen­den Tod. Zwei wa­ren schon tot (Ul­ri­ke Mein­hof und Hol­ger Meins KM). Drei leb­ten noch (Baa­der, Enss­lin, Ras­pe KM). Er war ei­ner von ih­nen. Wir wuss­ten bei­de, dass man sie ir­gend­wann tö­ten wür­de. Wenn drau­ßen et­was ge­schah, das ihre Tö­tung als all­ge­mein er­wünsch­te ul­ti­ma ra­tio er­schei­nen ließ.“

4. „... wegen der Do­ku­men­ta­tion der Fan­ta­sia, aus der klar her­vor­ging, dass Arndt Mül­ler und Ar­min Ne­wer­la nicht die Waf­fen und den Spreng­stoff in den sieb­ten Stock ge­schmug­gelt ha­ben konn­ten.“ S. 164. Chot­je­witz be­zieht sich hier auf die Do­ku­men­ta­tion „Der Pro­zess ge­gen die Rechts­an­wäl­te Arndt Mül­ler und Ar­min Ne­wer­la“, die im Stutt­gar­ter fan­ta­sia-druck er­schien.

5. „Die These, in West­deutsch­land habe sich ein neu­er Fa­schis­mus eta­bliert, war nicht nur rich­tig, son­dern auch plau­si­bel und der fran­zö­si­schen Lin­ken durch­aus will­kom­men.“ S. 378

6. Siehe auch Der be­waff­ne­te Freund von Raul Zelik.


Biographisches

Geschichte

18. März 2026

Gelesen : Weiteres : Impressum