Margarete Bruns:
Das Rätsel Farbe. Materie und Mythos.
Philipp Reclam jun. 1997, 304 Seiten, 16 Farbtafeln, ISBN 3-15-010430-0
Margarete Bruns’ Buch „Das Rätsel Farbe“ ist eine kunst- und kulturhistorische, aber auch eine assoziative Annäherung an acht ausgewählte Farben. Jede Farbe wird als „lebendes Wesen“ porträtiert – von „Rot – Der König“ über „Gelb – Die Prinzessin“ bis hin zu „Schwarz – Das unnahbare Licht“ und „Gold – Das ganz andere“.
Dem Untertitel „Materie und Mythos“ entsprechend werden materielle Aspekte – die Herkunft der Farbstoffe, ihre Gewinnung und Verarbeitung – mit kulturhistorischen, farbtheoretischen und psychologischen Dimensionen verbunden.
Die Darstellung beginnt bei den Ursprüngen: Rot als erste Farbe in prähistorischen Höhlenmalereien, zunächst als Ocker, später als Zinnober. Rot wird als Farbe der Macht und Liebe charakterisiert, physikalisch jedoch als Farbe mit der geringsten Energie beschrieben.
Bei Gelb geht es unter anderem um van Goghs Verwendung von Chromgelb und die Frage, ob der unzuverlässige Farbstoff seine künstlerischen Intentionen beeinträchtigte. Grün wird mit geheimen Mixturen und dem Phänomen des Simultankontrastes verbunden – das Auge ergänzt komplementäres Grün, wenn es lange Rot betrachtet hat.
Blau, in der Antike kaum beachtet, wurde zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert zur Königsfarbe, nachdem man aus Lapislazuli Ultramarin gewann. Im Buddhismus steht Blau für Bewusstsein und bildet das Zentrum meditativer Symbolik.
Weiß und Schwarz, als Farben umstritten, werden eingehend behandelt. Für Kandinsky bedeutete Weiß „ein großes Schweigen“, während selbst schwarze Flächen noch drei bis sieben Prozent des Lichts zurückwerfen. Schwarz gilt als „das unnahbare Licht“, dessen tiefste Form in uns selbst lauert.
Bruns bezieht Physik, Psychologie und Materialkunde ein, kehrt jedoch auch immer wieder zu konkreten Kunstwerken zurück. Sie erzählt von naturmagischen Praktiken im Zusammenhang mit frühen farblichen Darstellungen, der chemischen Verwandtschaft zwischen Chlorophyll und Hämoglobin oder der „Malerkolik“ als Folge der Verwendung von Bleiweiß.
Das Buch verknüpft Wissenschaft, Kunst, Esoterik, Mythologie und Kultur. So gelingt es der Autorin, das „Rätsel Farbe“ als komplexes Phänomen zu präsentieren, das sich weder rein physikalisch noch rein ästhetisch fassen lässt. Eine anregende und interessante Lektüre.
→ Kunst
16. Januar 2026