Julian Barnes:
Lebensstufen.
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.
Kiepenheuer & Witsch 2015, 142 Seiten, ISBN 978-3-462-04727-1
Julian Barnes’ „Lebensstufen“ (Originaltitel: Levels of Life) ist ein literarisches Triptychon, das sich dem Glück und Risiko der Verbindung zweier unterschiedlicher Elemente widmet. Jeder Abschnitt trägt bereits den Keim für den nächsten in sich und entfaltet sich aus einem gemeinsamen Netz von Motiven und Metaphern.
Barnes verbindet scheinbar disparat anmutende Themen: die Pionierzeit der Ballonfahrt und der Fotografie, eine fiktive Liebesgeschichte zwischen der Schauspielerin Sarah Bernhardt und dem Ballonfahrer Fred Burnaby sowie seine persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Frau Pat Kavanagh im Jahr 2008. Was diese Geschichten eint, ist das Motiv des Erhabenen und des Absturzes, des Glücks und des Leids.
Die Sünde der Höhe: Barnes beginnt mit einer historischen Skizze über die Pioniere der Ballonfahrt und der Fotografie im 19. Jahrhundert. Im Zentrum steht Félix Tournachon, bekannt als Nadar, der als Erster die Fotografie mit der Aeronautik verband. Nadar machte nicht nur Porträts von Zeitgenossen, sondern wagte sich auch in die Lüfte, um Paris aus der Vogelperspektive festzuhalten. Durch diese Verbindung von Aeronautik und Fotografie erhielt die Erinnerung eine neue Qualität: Die Welt wurde aus einer bislang unmöglichen Perspektive sichtbar und dauerhaft festgehalten. Barnes führt hier auch den britischen Colonel Fred Burnaby ein, einen „Ballonatiker“ und Abenteurer.
Auf gleicher Ebene: Im zweiten Teil imaginiert Barnes eine Affäre zwischen Fred Burnaby, einem britischen Abenteurer und Ballonfahrer, und der exzentrischen Schauspielerin Sarah Bernhardt, von der Nadar einige suggestive Portraitaufnahmen gemacht hatte. Eine Affäre, die von Leidenschaft und Illusion geprägt ist. Hier wird die Liebe als ein Akt der „Levitation“ beschrieben – ein berauschender Aufstieg, der jedoch immer die Gefahr des Absturzes in sich birgt. Burnabys Wunsch nach Höhe und Grenzüberschreitung kollidiert mit der Realität der Beziehung. Die Metaphern des Fliegens, des Schwebens und des Fallens strukturieren diesen Teil ebenso wie die Spannung zwischen Nähe und Distanz.
Der Verlust der Tiefe: Barnes reflektiert im dritten Teil den Krebstod seiner Ehefrau, der Literaturagentin Pat Kavanagh. Nach 30 gemeinsamen Jahren erhielt sie die Diagnose Hirntumor – 37 Tage später war sie tot. Die Ironie ist bitter: 2008, im Jahr der Diagnose, hatte Barnes noch einen Essay mit dem Titel „Nichts, was man fürchten müsste“ über den Tod verfasst. Später rezensierte er Joan Didions „Das Jahr des magischen Denkens“ und Joyce Carol Oates’ „Meine Zeit der Trauer“ – zwei kanonische Texte über Verlust in der angelsächsischen Literatur. Nun wurde er selbst zum Verfasser eines solchen Textes.
Barnes beschreibt die anschließende Leere, die Wut auf die Gleichgültigkeit der Welt und die quälende Frage, wie man mit einem solchen Verlust weiterlebt. Er reflektiert über die Trauer, die Gedanken an Selbstmord und die Angst, mit dem suizidalen Tod auch die Erinnerung an die Verstorbene auszulöschen. Er beklagt die Unfähigkeit von Freunden, im Angesicht der Trauer das Richtige zu sagen, und hinterfragt das Konzept des „Darüberhinwegkommens“. Die Einsamkeit des Hinterbliebenen ist ein Zustand, in dem die Zukunft verloren gegangen ist.
„Lebensstufen“ ist ein Buch über Momente, in denen zwei Dinge zusammengebracht werden, die vorher getrennt waren – und die Welt sich dadurch verändert. Es kulminiert zur Liebeserklärung und philosophischen Auseinandersetzung mit dem Tod. Historische Skizze, fiktionale Erzählung und autobiografischer Essay. Ein interessantes literarisches Projekt.
→ Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste.
→ Julian Barnes: Der Mann im roten Rock.
→ Julian Barnes: Dover – Calais. Erzählungen.
30. Januar 2026