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Maike Albath Trauer und Licht Maike Albath:
Trauer und Licht. Lam­pe­du­sa, Scia­scia, Ca­mil­le­ri und die Li­te­ra­tur Si­zi­liens.
Wagenbach Taschen­buch 2026, 330 Sei­ten, ISBN 9783803128898

Maike Albath setzt mit „Trau­er und Licht“ ihre li­te­ra­ri­sche Er­kun­dung Ita­liens fort. Nach Tu­rin und Rom wid­met sie sich nun Si­zi­lien. An der Schnitt­stel­le zwi­schen Ok­zi­dent und Ori­ent ge­le­gen, be­schreibt Al­bath Si­zi­lien als „vi­ta­les Zen­trum“ der ita­lie­ni­schen Kul­tur und zeich­net an­hand zen­tra­ler Au­to­ren eine Li­te­ra­tur­ge­schich­te der In­sel vom Ri­sor­gi­men­to bis in die Ge­gen­wart, die von ei­ner ein­zig­ar­ti­gen Ver­bin­dung aus Tra­di­tion und Mo­der­ne ge­prägt ist.

Im Mittelpunkt steht die Fra­ge, wa­rum Si­zi­lien so vie­le be­deu­ten­de Schrift­stel­ler her­vor­ge­bracht hat und wie de­ren Wer­ke von den be­son­de­ren his­to­ri­schen, so­zi­a­len und kul­tu­rel­len Be­din­gun­gen der In­sel ge­prägt wur­den. Aus­gangs­punkt ist da­bei häu­fig die Er­fah­rung von Tren­nung und Rück­kehr: Vie­le si­zi­lia­ni­sche Au­to­ren ver­lie­ßen ihre Hei­mat für län­ge­re Zeit oder dau­er­haft und blick­ten aus der Dis­tanz auf sie zu­rück. So wer­den Er­in­ne­rung, Ver­lust, Sehn­sucht und die Su­che nach Iden­ti­tät zu zen­tra­len Mo­ti­ven der si­zi­lia­ni­schen Li­te­ra­tur.

Den größten Raum nimmt Giu­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­du­sa ein, dem Al­bath mehr als die Hälf­te des Ban­des wid­met. Sie schil­dert die Ent­ste­hungs­ge­schich­te sei­nes Ro­mans „Der Leo­pard“ (Il Gat­to­par­do), des­sen post­hu­me Ver­öf­fent­li­chung nach der Ab­leh­nung durch Elio Vit­to­ri­ni so­wie die kon­ge­ni­a­le Ver­fil­mung durch Lu­chi­no Vis­con­ti. Auf der Grund­la­ge von Ge­sprä­chen mit Nach­fah­ren, His­to­ri­kern und Zeit­zeu­gen re­kon­stru­iert Al­bath nicht nur die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Ro­mans, son­dern auch die Bio­gra­fie sei­nes Au­tors.

Neben Lampedusa por­trä­tiert sie zahl­rei­che wei­te­re Schrift­stel­ler, da­run­ter Gio­van­ni Ver­ga, Lui­gi Ca­pu­a­na und Fe­de­ri­co De Ro­ber­to, die mit dem Ve­ris­mus eine rea­lis­ti­sche, so­zi­al­kri­ti­sche Li­te­ra­tur be­grün­de­ten. Ihre Wer­ke schil­dern Ar­mut, so­zi­a­le Un­gleich­heit und die har­ten Le­bens­be­din­gun­gen der ein­fa­chen Be­völ­ke­rung. Auch Lui­gi Pi­ran­del­lo, Leo­nar­do Scia­scia, An­drea Ca­mil­le­ri, Vin­cen­zo Con­so­lo und an­de­re wer­den als Stim­men ei­ner Li­te­ra­tur vor­ge­stellt, die sich im­mer wie­der mit Macht, Kor­rup­tion, ge­sell­schaft­li­cher Er­star­rung und in­di­vi­du­el­ler Frei­heit aus­ei­nan­der­setzt. Et­was zu kurz kommt für mei­nen Ge­schmack Ste­fa­no D'Ar­ri­gos epo­cha­ler Ro­man „Hor­cy­nus Orca“.

Ein wiederkehrendes The­ma ist die Span­nung zwi­schen Tra­di­tion und Mo­der­ne. Si­zi­lien er­scheint als Raum, in dem alte Fa­mi­lien­struk­tu­ren, Be­sitz­ver­hält­nis­se und so­zi­a­le Hie­rar­chi­en er­staun­lich be­stän­dig ge­blie­ben sind. Be­son­ders die Fa­mi­lie – oft ge­prägt von star­ken müt­ter­li­chen Fi­gu­ren – wird als Schutz­raum, aber auch als Quel­le von Ab­hän­gig­keit und Un­frei­heit be­schrie­ben.

Gerade in die­ser Wi­der­sprüch­lich­keit sieht Al­bath je­doch die be­son­de­re Stär­ke der si­zi­lia­ni­schen Li­te­ra­tur. Die In­sel ver­eint un­ter­schied­li­che kul­tu­rel­le und sprach­li­che Ein­flüs­se und er­zeugt da­durch eine Iden­ti­tät, die von Un­si­cher­heit, Brü­chen und in­ne­ren Span­nun­gen ge­prägt ist. Leo­nar­do Scia­scia be­zeich­ne­te die­ses Phä­no­men als „si­ci­li­tu­di­ne“ – eine Form der Si­zi­lia­ni­tät, die we­ni­ger aus fes­ten Ei­gen­schaf­ten als auf Zer­ris­sen­heit und Am­bi­va­lenz be­ruht.

Neben der Li­te­ra­tur rich­tet Al­bath ih­ren Blick auch auf die ge­sell­schaft­li­che Rea­li­tät Si­zi­liens. Sie the­ma­ti­siert die Ma­fia, po­li­ti­sche Kor­rup­tion, wirt­schaft­li­che Stag­na­tion und die Schwie­rig­kei­ten ge­sell­schaft­li­cher Re­for­men.

Frauen treten bei Al­bath vor al­lem als do­mi­nan­te Müt­ter auf. Drei be­mer­kens­wer­te Aus­nah­men bil­den je­doch Licy, die Ehe­frau Lam­pe­du­sas, die Fo­to­gra­fin, Jour­na­lis­tin und Ver­le­ge­rin Le­ti­zia Bat­tag­lia so­wie El­vi­ra Sel­le­rio, die sich als Ver­le­ge­rin um die si­zi­lia­ni­sche Li­te­ra­tur ver­dient ge­macht hat.

„Trauer und Licht“ ist eine in­te­res­san­te und kennt­nis­rei­che Lek­tü­re über die fas­zi­nie­ren­de Li­te­ra­tur Si­zi­liens. Eine vier­sei­ti­ge Bib­lio­gra­fie gibt Ge­le­gen­heit zur wei­te­ren Be­schäf­ti­gung mit dem The­ma.


Über Literatur

5. Juni 2026

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